Anfänger Training

An einem grauen Donnerstag in Februar habe ich mir beim Taekwondo Training den Knöchel verstaucht. Nichts Schlimmes, nur ausreichend, dass ich 1-2 Tage leicht humpelnd durch die Welt gehen musste. Da ich am nächsten Tag immer noch etwas lädiert war, entschied ich nicht in dem normalen Training, sondern zum Anfänger Training zu gehen.

Normalerweise habe ich mit meinem grün-blauen Gurt einen der niedrigen Grade. In Anfänger Training bin ich die Gradhöchste. Aber auch hier lerne ich viel: Bewegungen langsam und korrekt auszuführen, das richtige Dehnen und noch viel mehr, wofür im normalen, schnellen Training nicht so viel Zeit bleibt. Und ich komme natürlich sehr gut mit. Aber ich kann nicht aufhören, Staunen für die Menschen zu fühlen, die im nicht mehr jungen Alter etwas Neues (und Schwieriges) anfangen und mit Begeisterung dabei bleiben. Es gäbe so viele Gründe, Taekwondo nicht zu machen.

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Sport ist Mord

Auf der Wand neben der Wendeltreppe stand in großen leuchtenden Buchstaben geschrieben: „In jedem Schwarzgurt steckt ein Weißgurt, der niemals aufgegeben hat.“

Die Leiche lag am Fuße der Treppe. Wenn der starre Blick nicht um 180 Grad in die falsche Richtung gerichtet gewesen wäre, hätte man fast nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Die Haare fielen der jungen Frau ins Gesicht und die wenigen Blutspuren auf der Stirn blieben fast unbemerkt unter den feuerroten Locken. Sonst war fast keine Spur von rot auf dem schneeweißen Dobok, bis auf dem leuchtenden roten Gurt um die Taille zu sehen. Daneben lag ein Schlüsselbund mit einem schwarzweißen YinYan Anhänger. Der Schulleiter, ein dünner junger Mann mit strähnigen braunen Haaren, den man seinen dritten Meistergrad in Taekwondo nicht ansah, kämpfte mit der Fassung. „Es ist nicht wahr, nein, es kann nur ein Alptraum sein!“, winselte er. „Dass in dieser Schule wieder jemand ums Leben kommt! Und gerade die Natalja! Sie war so stark, so schön, so gut!“, geriet er fast ins Schwärmen, für eine Sekunde vergessend, dass dies alles nun Vergangenheit war.

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Taekwondo

Ich weiß nicht mehr genau, was mich dazu bewegt hat, an einem Januar Tag im Jahr 2016 ein Probetraining zu besuchen. Der Muskelkater, den ich danach hatte, wird in meiner Liste „Best of Muskelkater ever“ eingehen. Aber es war mit mir geschehen: ich habe in meiner Lebensmitte eine neue Leidenschaft entdeckt: Taekwondo. Es ist eine Sucht, ich mache alles, um 4-5 Mal in der Woche es irgendwie ins Training zu schaffen, und ich muss mich manchmal beherrschen, nicht hin zu gehen (wenn ich zum Beispiel körperlich nicht fit bin). Es ist einfach grandios zu sehen, was möglich ist: da sind die über 70-jährigen 4. Dan Träger, deren Bewegungen langsam aber so schön und präzise sind, als ob sie in der Luft gemalt wären. Da sind zierliche Frauen, die mehrere Bretter übereinander mit einem einzigen Hand- oder Fußtritt durchbrechen. Da sind die Jungen, die sich wie Blitze bewegen, dass es schwierig wird, sie mit dem bloßen Auge zu verfolgen, und so durch die Luft springen, als ob die Schwerkraft für sie nicht gelten würde. Dann gibt es unendlich geduldige Meisterinnen und Meistern, die immer wieder mit uns üben, nette freundliche Menschen und wunderschöne Reisen.

Taekwondo lehrt mich nochmal Demut (laut Beschreibung in Wikipedia ist das die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit hervorgehen kann“- wie zutreffend!). Taekwondo verlangt sehr viel Disziplin und Frusttoleranz. Habe schon einiges an Tränen deswegen vergossen, und viel mehr Schweiß…Es klappt einfach nicht auf Anhieb, jede Bewegung wird 1000 mal geübt, bis es sitzt (und ich muss das manchmal 1500 Mal, manchmal 2000 Mal üben). Das Gefühl, wenn es dann klappt, wenn ein Brett durch ist, wenn der nächste Gurt umgebunden wird, ist mit fast nichts zu vergleichen (vielleicht mit Wandern am Fjord bei einem langen Wasserfall, aber das ist eine andere Geschichte).
Taekwondo ist wie fliegen, nur besser, weil es auch ohne Flügel möglich ist.