Sport ist Mord

Auf der Wand neben der Wendeltreppe stand in großen leuchtenden Buchstaben geschrieben: „In jedem Schwarzgurt steckt ein Weißgurt, der niemals aufgegeben hat.“

Die Leiche lag am Fuße der Treppe. Wenn der starre Blick nicht um 180 Grad in die falsche Richtung gerichtet gewesen wäre, hätte man fast nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Die Haare fielen der jungen Frau ins Gesicht und die wenigen Blutspuren auf der Stirn blieben fast unbemerkt unter den feuerroten Locken. Sonst war fast keine Spur von rot auf dem schneeweißen Dobok, bis auf dem leuchtenden roten Gurt um die Taille zu sehen. Daneben lag ein Schlüsselbund mit einem schwarzweißen YinYan Anhänger. Der Schulleiter, ein dünner junger Mann mit strähnigen braunen Haaren, den man seinen dritten Meistergrad in Taekwondo nicht ansah, kämpfte mit der Fassung. „Es ist nicht wahr, nein, es kann nur ein Alptraum sein!“, winselte er. „Dass in dieser Schule wieder jemand ums Leben kommt! Und gerade die Natalja! Sie war so stark, so schön, so gut!“, geriet er fast ins Schwärmen, für eine Sekunde vergessend, dass dies alles nun Vergangenheit war.

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Taekwondo

Ich weiß nicht mehr genau, was mich dazu bewegt hat, an einem Januar Tag im Jahr 2016 ein Probetraining zu besuchen. Der Muskelkater, den ich danach hatte, wird in meiner Liste „Best of Muskelkater ever“ eingehen. Aber es war mit mir geschehen: ich habe in meiner Lebensmitte eine neue Leidenschaft entdeckt: Taekwondo. Es ist eine Sucht, ich mache alles, um 4-5 Mal in der Woche es irgendwie ins Training zu schaffen, und ich muss mich manchmal beherrschen, nicht hin zu gehen (wenn ich zum Beispiel körperlich nicht fit bin). Es ist einfach grandios zu sehen, was möglich ist: da sind die über 70-jährigen 4. Dan Träger, deren Bewegungen langsam aber so schön und präzise sind, als ob sie in der Luft gemalt wären. Da sind zierliche Frauen, die mehrere Bretter übereinander mit einem einzigen Hand- oder Fußtritt durchbrechen. Da sind die Jungen, die sich wie Blitze bewegen, dass es schwierig wird, sie mit dem bloßen Auge zu verfolgen, und so durch die Luft springen, als ob die Schwerkraft für sie nicht gelten würde. Dann gibt es unendlich geduldige Meisterinnen und Meistern, die immer wieder mit uns üben, nette freundliche Menschen und wunderschöne Reisen.

Taekwondo lehrt mich nochmal Demut (laut Beschreibung in Wikipedia ist das die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit hervorgehen kann“- wie zutreffend!). Taekwondo verlangt sehr viel Disziplin und Frusttoleranz. Habe schon einiges an Tränen deswegen vergossen, und viel mehr Schweiß…Es klappt einfach nicht auf Anhieb, jede Bewegung wird 1000 mal geübt, bis es sitzt (und ich muss das manchmal 1500 Mal, manchmal 2000 Mal üben). Das Gefühl, wenn es dann klappt, wenn ein Brett durch ist, wenn der nächste Gurt umgebunden wird, ist mit fast nichts zu vergleichen (vielleicht mit Wandern am Fjord bei einem langen Wasserfall, aber das ist eine andere Geschichte).
Taekwondo ist wie fliegen, nur besser, weil es auch ohne Flügel möglich ist.

Träume

Heute sind 72 Mio. € im Jackpot und im Radio kommt das Thema immer wieder vor. Das bringt mich zu der Frage, was ich machen würde, wenn ich einige Millionen gewinnen würde. Na klar, ich würde alle meine Träume verwirklichen. Nur, welche sind diese? Würde ich meinen Job kündigen? Würde ich auswandern, ein weißes Haus an einem Fjord kaufen, ein Buch schreiben, ein Lokal eröffnen? Ich würde vielleicht weniger arbeiten oder mich irgendwann selbständig machen. Viel reisen. Fast jeden Tag zum Sport gehen. Meine Familie und andere Menschen unterstützen. Da fällt mir auf, dass ich viele dieser Sachen bereits mache und dass mich wenig daran hindert, auch die anderen zu verwirklichen. Zumal es meistens keine Geldfrage ist. Die wichtigsten Dinge im Leben kann man eh nicht kaufen, weder Gesundheit, noch Freunde, noch Liebe oder Leidenschaft für einer Sache.
Und auch für die besten Momente braucht es nicht wirklich Millionen. Der Moment auf einem alten Schiff im Altantik, wenn sich die Mitternachtssonne in der sprichwörtlich letzten Minute zeigt. Der Moment als das Brett beim ersten Tritt bricht (und das nächste unmittelbar danach auch noch). Der Ausflug mit den Eltern. Am Mangfall entlang zu radeln. Nach 30 km zu Fuß anzukommen. Die Liste ließe sich noch viel verlängern.
Und ein Gedanke beschäftigt mich noch: kann es sein, dass mit viel Geld auch größere Träume kommen, also dass sich die Träume dem „Budget“ anpassen? Ich werde das niemals erfahren, auch weil ich kein Lotto spiele und auch sonst nicht wirklich jemals zu viel Geld kommen werde. Und vielleicht ist es auch gut so.

“Mein” Berlin und ich

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das erste Mal nach Berlin kam und ob es Liebe auf dem ersten Blick war.
Vermutlich nicht.
Im Laufe der Jahre wurde Berlin für mich die schönste Stadt der Welt. Berlin ist groß genug, dass ich mich mit meiner Sozialphobie gut darin verlieren kann und dass es gleichzeitig immer etwas zu entdecken gibt: richtige Dörfer wie Alt-Tegel und Alt-Mariendorf, der Tegler See, die Abhöranlagen auf dem Teufelsberg, der verlassene Spreepark im Plänterwald und so viel mehr, dass es bestimmt mehrere Seiten füllen würde, würde ich alles beschreiben.
Ich habe immer geglaubt, eines Tages nach Berlin zu ziehen (spätestens mit Markus Söder als Ministerpräsident wäre Auswandern aus Bayern eine ernst zu nehmende Überlegung ). Aber nun bin ich nicht mehr so sicher, dass dies für unsere Beziehung gut wäre. Berlin ist wie eine Liebesaffäre, man trifft sich einige Male im Jahr, hat gemeinsam eine schöne Zeit und trennt sich wieder, bis zum nächsten Mal.