Am Lysefjord

Es fällt mir zunehmend schwer, über unsere Reise zu schreiben. Je länger wir in Norwegen sind, umso weniger kann ich all das was wir sehen beschreiben. Trotzdem versuche ich es jetzt wieder.

Wir fahren von Stavanger nach Oygardstollen außen rum (die Alternative auf dem Fjord nehmen wir auf dem Weg zurück).

Die Wanderung nach Kjerag ist genau so spannend und schwierig, wie überall beschrieben.

Kjerag ist der höchste Berg in der Gegend und sein Wahrzeichen ist der eingeklemmte Stein Kjeragbolten. Drei mal geht es steil bergauf und zwei Mal runter, bevor wir oben auf dem Fjell den letzten Kilometer relativ eben zurück legen. Hie und da liegt noch etwas Schnee. Ich fülle meine Wasserflasche in einem eiskalten Bach aus Schneeschmelze.

Der Kjeragbolten liegt 1084 m über dem blauen Fjord und als ich nach unten schaue muss ich den Atem anhalten. Ich lasse mich noch auf dem eingeklemmten Stein fotografieren bevor wir uns wieder nach unten machen.

Die Strecke ist nicht so überlaufen wie der Preikestollen, aber immer noch gut besucht. Wir schauen noch einem Trailrunner hinterher, der von einem Stein zum anderen springt, als ob die Schwerkraft für ihn nicht gelten würde. Für uns dagegen gilt sie immer noch, und ich fühle mich gegen Ende der Wanderung als ob sie sich verdoppelt hätte.

Die Straße nach Lysebotn schlängelt sich in 27 Serpentinen nach unten. Der Ort am Ende des Lysefjords sieht aus, als ob hier das sprichwörtliche Ende der Welt wäre. Die Sonne scheint noch lange über dem Tal und noch länger über den Bergspitzen.

“Näher ans Paradies kann man nicht kommen” zitiere ich gedanklich die englische Schriftstellerin Rose Tremain. Aber das bleibt nicht immer so; im Winter scheint die Sonne vier Monate lang nicht in diesem Tal, die Straße ist geschlossen da sie wegen den Schneemassen unpassierbar ist. Unsere Unterkunft befindet sich in einem alten Farmhaus, seit fünf Generationen im Familienbesitz. Alles ist sehr liebevoll restauriert und die Sanitäranlagen sind in der umgebauten Scheune untergebracht.

Das Ehepaar, dass das B&B betreibt, fährt früh am morgen zu einer Hochzeit. Wir unterhalten uns mit der Frau, die uns das Frühstück herrichtet. Sie kommt von weiter in Norden her, wir reden über schöne Länder. Sie schwärmt vom grünen Irland, gibt aber im nächsten Satz zu, das dieses Land hier für sie das schönste ist. Wie ich es auch drehe, ich kann nichts dagegen einwenden. Es ist einfach so.

Wir fahren zur Anlegestelle der Fähre. Im Fjord schwimmen unzählige kleine Fische.

Über unsere Köpfe hinweg springen zwei Basejumper.

Am Mittag nehmen wir die Fähre nach Flørli. Die Fahrt ist atemberaubend, sogar der Angestellte der Fähre findet es wunderschön (dabei muss er das jeden Tag sehen).

Flørli ist ein Dorf ohne Straßen und Autos. Wir haben in dem alten Elektrizitätswerk – jetzt ein Hostel -Zimmer gebucht, im Internet beschrieben „mit fantastischen Blick auf dem Lysefjord“. Die Sicht ist tatsächlich unglaublich, aber dafür müssen wir mit Koffern noch etwa 90 Höhenmeter bis zum historischen Haus bewältigen in dem wir untergebracht sind. Das Dorf, in dem früher Mitarbeiter der Elektrizitätswerke gelebt haben, wäre verlassen, wenn der norwegische Staat nicht Kosten und Mühen auf sich genommen hätte um diese Häuser aufrecht zu erhalten. Unten am Kai gibt es noch ein Café und ein Museum.

Am Nachmittag sitze ich auf einer Bank und schaue auf einen Wasserfall oben auf dem Fjell und hinter mir liegt der blaue Fjord. Meine Stimmung wird immer trüber, ich finde das hier so unglaublich, so wunderschön, dass der Gedanke schmerzt, wieder nach Hause gehen zu müssen. Wenn ich mir von dieser Reise versprochen habe, endlich mal genug von Norwegen zu bekommen, ist das gründlich schief gelaufen.

Ich gehe am Nachmittag noch die Florli Cliffhike, eine kurze Wanderung von 2 Stunden, die es aber in sich hat. 550 Höhenmeter auf vier Kilometern Länge führen mich teilweise fast vertikal entlang an Strommasten am Rande des Fjells mit Sicht über den gesamten Fjord.

Ich bin zwar schwindelfrei, aber es ist ein schwindelerregender Anblick über das sonnige blaue und leere Lysefjord.

Die Flørli Treppe mit 4444 Stufen wurde vor ca. 100 Jahren gebaut, um die Wartung der Wasser Pipeline zu ermöglichen, die das Wasser von Ternevatnet in 740 hm nach unten zum Fjord transportiert. Es ist die längste Holztreppe der Welt. Die ganzen Bauten wie auch das Dorf zeugen von dem harten und beschwerlichen Leben von damals. Heute tummeln sich hier Schnellboote aus Stavanger mit gut gelaunten und gut betuchten Wochenendgästen.

Wir stehen früh auf (zumindest für meine Begriffe). Die Treppe ist lang und ziemlich steil.

Alle 500 Stufen steht die Zahl drauf und bei 2000 fühle ich mich, als ob ich mindestens schon 5000 gestiegen hätte.

Aber hilft nix, oben angekommen (irgendwann…) kommen wir an mehreren glizernden Bergseen vorbei. Norwegen besitzt die Hälfte der Wasserreservoirs Europas und nutzt massiv die Wasserkraft zur Energieerzeugung. Für die Sicht und Landschaft oben habe ich keine Worte übrig, auch wenn ich sonst nicht oft sprachlos bin. Das Wetter macht die Landschaft auch magisch, wenn ich auch immer wieder behaupte, hier ist auch Regen schön. Es hat aber die ganze Zeit nicht geregnet, die Sonne strahlt vom perfekt blauen Himmel.

Der Abstieg ist fast noch beschwerlicher als der Aufstieg, irgendwann kommen wir dann unten an, trinken Bier für etwa 9€ die Dose und ich versuche, manche Konversation in der Landessprache zu verfolgen. Manchmal klappt es, meistens nicht. Es trifft sich also gut, dass ich ein Prospekt über ein Norwegischkurs hier im Land finde. Tags drauf, während wir auf der Fähre warten, treffen wir ein Paar aus Deutschland, das oben entlang des Fjells wandert, er mit 30, sie mit 15 Kilo bepackt auf dem Rücken. Ich finde das sehr reizend (außer das Gewicht). Man kann vielleicht auch etwas weniger bepackt von Berghütte zu Berghütte wandern und ich setze das auf meine bereits sehr lange “Bucket-Liste”.

Nicht dass ich ein Grund suchen muss, wieder zu kommen, ich muss grade intensiv einen suchen um wieder nach Hause zu gehen.

 

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