Berlin Tagebuch, Teil 1: Nachhaltig Reisen?

Aus aktuellem Anlass habe ich angefangen, mich zu fragen, was nachhaltig Reisen eigentlich ist. Schnell habe ich im Internet einiges dazu gefunden. Zum einem geht es darum, möglichst Flugreisen zu vermeiden. Wenn man nicht ohne auskommt, dann kurze und direkte Verbindungen. Kleine Unterkünfte wählen, große Hotelketten vermeiden. Mit Einheimischen in Kontakt kommen. Nachhaltig essen. Am Zielort sich nachhaltig fortbewegen (Öffis, Rad, Fuß). Natur und Kultur erleben. Wenig Müll und vor allem Plastikmüll vermeiden.

Die nächste Frage ist, kann man das mit einem „normalen“ Urlaub vereinbaren? Ich war bisher immer der Meinung, dass mein Reiseverhalten vielleicht nicht zu 100% nachhaltig ist, aber relativ nahe. Nun will ich mich überzeugen, wie nachhaltig reise ich und was könnte ich noch dabei verbessern.
Bin ab Freitag für 2 Wochen in Berlin und die Voraussetzungen sind gut: Anreise mit der Bahn, an jeder Ecke gibt es Veganes Essen. Wir wollen wandern und die Geschichte der Stadt erkunden, zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Was will man mehr, um ein Selbstversuch zu starten? Was bisher geschah:
Freitag- die Anreise:
Ich komme am Münchner Hauptbahnhof mit Zeitpuffer (wie ich glaube) an, aber mein Partner ruft an, um mir mitzuteilen, dass unser Zug ausfällt. Wir müssen einen früheren Zug nach Nürnberg nehmen, also ich muss schnell sein und kann nichts mehr zum Essen kaufen. Zum Glück habe ich in zwei wieder-verwendbaren Flaschen Leitungswasser mitgenommen. In Nürnberg angekommen habe ich die Wahl: belegtes Brötchen (nix veganes dabei), Bulgursalat (vegan im Plastikbehälter) oder nichts. Ich bin halb am Verhungern also die dritte Alternative wird es nicht werden. Ich nehme den Bulgur mit einem Plastiklöffel. Kaum sitze ich im richtigen Zug, lese ich einen Beitrag in einer Facebook Gruppe, dass die Deutsche Bahn tonnenweise Glyphosat in die Umwelt verstreut. Ich bin nicht mal vier Stunden unterwegs und habe bereits versagt, nachhaltig zu reisen. Mist! Am Ende ist doch Balkonien das einzig Richtige… Aber es ist zu früh, um aufzugeben (und das entspricht auch nicht meiner Natur).
Wir übernachten privat in Charlottenburg, an einem Ort der das Geld gemeinnützig verwendet.  Wir lassen den heißen Sommerabend entspannt in der neueröffnete Shisha-Bar ausklingen, bei alkoholfreien und eiskalten Cocktails.

An der Ecke gibt es eine ebenerdige Wohnung, die ich sehr schön finde: die Bewohner leben wie in einer Vitrine und ich bin wie immer sehr neugierig, einen Blick rein zu werfen und frage mich jedes Mal wie es ist, hier zu leben.
Samstag
Frühstücken in Charlottenburg ist schwierig, vor allem wenn man versucht, einigermaßen gut und möglichst vegan in den Tag zu starten. Wenn ich alleine bin, lasse ich es ausfallen. Diesmal ist das aber nicht der Fall, also haben wir am Abend eingekauft: Brot, Tomatenaufstrich in einem Plastik-Behälter, Obst im Plastikbehälter, Müsli in Plastikbehälter, jeweils ein halb Liter Milch (für meinem Partner) und Cashew-Eutersekretersatz für mich im Tetra Pack, ein Smoothie im Glas. Wenn ich an die Ökobilanz denke, bin ich nicht sehr glücklich. Aber was solls, hier ist Berlin, es wird im Laufe des Tages sicher besser.
Wir fahren lange mit Bahn und Tram nach Höhenschönhausen. Ich kannte diesen Ort in Berlin bisher nicht mal vom Hörensagen (dabei bin ich ziemlich oft in Berlin). So ging es auch den meisten Berliner*innen vor der Wende: das Stasi Untersuchungsgefängnis war so geheim, dass er nicht mal auf den damaligen Karten aufgezeichnet war.
Es ist ein hässlicher Ort, nicht nur wegen den Zellen und Verhörräumen, sondern viel mehr wegen der damit verbundenen Geschichte. Wie es sich in einer Diktatur lebt, habe ich selbst einige Jahre erfahren. Und vor allem ist es immer noch schwer zu begreifen, dass auch heutzutage immer noch Menschen überwacht, ohne Grund inhaftiert, gefoltert und sogar hingerichtet werden und andere Menschen das noch gut finden.
Unterwegs zurück ins Zentrum gibt es einen Mandelkaffee  aus einem Plastikbecher. Später, am Görlitzer Bahnhof gibt es einen richtig guten veganen Burger und später zwei Kugeln Eis. Der Verkäufer nennt meinen Partner „junger Mann“ und der freut sich noch den ganzen Abend darüber. Einige Meter weiter entdecken wir die Kreuzberger Markthallen Nr. 9, die sehr nett sind und die ich heute auch zum ersten Mal sehe.
Danach geht es zu Fuß auf die Biermeile, die sehr wahrscheinlich kein Ort der Nachhaltigkeit ist, wenn man die Plastikbecher sowie das kulinarische Angebot in Betracht zieht. Aber insgesamt ist es schön, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in jedem Alter und Aussehen beisammen zu sitzen und ins Gespräch zu kommen, wie das fast nur in Berlin möglich ist. Die Bands sind auch nicht schlecht und eine ist sogar so hervorragend gut, dass wir den Rest des Abends dort verbringen. Der Sänger singt richtig gut (meistens Lieder von The Stones, von Guns’n’Roses ist auch etwas dabei) und er hat so viel Spaß, an dem was er macht, dass er uns und viele andere einfach mitzieht. „Tue, was du liebst und du musst nie wieder arbeiten“ soll Konfuzius gesagt haben. Ich finde, diesen Rat sollten mehr Menschen beherzigen.
Sonntag
ich kaufe Brötchen in der Bäckerei nebenan und muss feststellen, dass die Temperatur fast um 10 Grad gesunken ist. Es wird ein angenehmer Tag in Berlin, bei 24 Grad und frischem Wind. Unterwegs zum Stasi Museum kommen wir durch einen kleinen Park und mit Erstaunen sehen wir, dass hier und da auf dem Boden Grabsteine liegen. Hier muss mal vor langer Zeit ein Friedhof gewesen sein. Auf Google Maps steht das Wort Friedhof, aber in der Realität gibt es kein Schild und nichts weißt mehr darauf hin.
Im Museum verbringen wir mehrere Stunden. Auch wenn ich dachte, alles über das Regime zu kennen (oder zumindest das Meiste), erfahre ich von weiteren Sachen, die mich schaudern lassen. Über die „operative Psychologie“ und „Zersetzungen“ von menschlichen Leben. Hinrichtungen von politischen Gefangenen, die lange vor dem Prozess fest standen. Das ganze Ausmaß des Stasi Apparates, der größte Geheimdienst der Welt bezogen auf die Anzahl der Menschen in der DDR.
Der Bezirk Lichtenberg steht nicht wirklich bei Tourist*innen auf der Karte, aber ich finde, es hat reizvolle Ecken, wie das Rathaus und den besagten vergessenen Friedhof.
Wir fahren mit der Tram zur Warschauer Straße, essen Bowl und Kuchen. Daneben gibt es ein veganes Schuhgeschäft (zum Glück heute geschlossen) und einen der letzten Veganz Supermärkte. Ich muss über das veränderte Geschäftsmodell von Veganz sinnieren und hoffe sehr, dass es funktioniert. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, da ich gerade sehr mit dem Thema beschäftigt bin, aber ich verspüre eine „Aura“ der Ideen in der Luft, wie sonst nirgendwo in Deutschland. Vielleicht liegt es an den vielen kleinen Läden, Fahrrad und Carsharing Firmen, an den vielen neuen Biersorten und an dem Essen.
Als wir die Karl-Marx Allee zum Alexanderplatz laufen, geht die Sonne über den Fernsehturm unter und ich finde den Himmel fast genauso schön wie den über dem Oslofjord.
Wir fahren mit der U-Bahn nach Charlottenburg und eine Gruppe von acht männlichen Jugendlichen, die die ganze Zeit mit uns in der U-bahn gefahren sind, laufen desorientiert durch die Gegend. Der halbwüchsige Anführer der Gruppe erzählt jemanden am Telefon, wie schwer es war, einen Parkplatz für sein neues Auto zu bekommen. Man muss manchmal selbstbewusst auftreten, denke ich, und verkneife mir so gut es geht, laut zu lachen.

 

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