Berlin Tagebuch, Teil 2: irre Orte gibt’s wirklich

Was kann man zwei Wochen lang in Berlin tun, wurde ich gefragt. Am Abreisetag kann ich sagen, dass zwei Wochen bei Weitem nicht ausgereicht haben. Die Liste der Orte, die ich sehen wollte und der Sachen, die ich tun wollte, wurde nicht kürzer, im Gegenteil.

Wir machen eine lange Bootstour vom Treptower Hafen zum Müggelsee. Der Hafen selbst ist eine kulinarische Versuchung. Unterwegs sehen wir wieder große Häuser und Reichtum. Ich zweifle zunehmend an Berlins Slogan “arm aber sexy”. Sexy kommt mir plausibel vor, aber arm…?

Was Berlin aber unglaublich macht, sind Orte, die so schräg sind, dass die sonst wo gar nicht existieren können. Da wäre der alte Rangierbahnhof am Priesterweg, wo Natur und Künstler*innen das Areal gemeinsam neu gestalten. Abends finden in der alten Industriehalle Shakespeare Vorstellungen statt.

Dann wären da noch das Café und Open Air Kino auf dem Friedhof „Silent Green“ in Wedding. Um die Ruhe der Toten zu bewahren, bekommen wir Kopfhörer. An der Kasse vor mir steht ein wunderschönes Mädchen, so Anfang 20. Sie ist barfuß und trägt ihr altes zerissenes Kleid wie eine Königin ihr Ballkleid. Noch schräger ist, dass der Friedhof, eine Oase der Ruhe, sich mitten in einem sehr belebten multikulturellen Viertel befindet, drum herum eine Großbaustelle.

Der Tempelhofer Flughafen ist sicher kein Geheimtipp, aber eine Führung durch seine “verborgenen Orte“ ist richtig spannend. Der sympatische Guide führt uns in zwei Stunden durch fast hundert Jahre Berliner-, Deutsche- und Weltgeschichte. Er erzählt uns etwas über die Zwangsarbeitenden aus ganz Europa, die hier Waffen produzierten und so unfreiwillig zur Verlängerung des Krieges beigetragen haben. Hier gibt es etwa 300 Bunker und wir erfahren auch Einiges über die Schicksale, die sich hier ereignet haben.

Wir laufen über den amerikanischen Teil des Flughafens, mit Squashhalle und Kommandozentrale, die so geheim war, dass bis heute nicht bekannt ist, was dort passierte.  Wir hören über Fotoshootings von GNTM und Filme mit Zombies, die hier gedreht werden. Wir steigen hinab in das geheime Filmarchiv, das 1945 lichterloh brannte. Noch heute kann man dort Ruß sehen und Rauchgeruch wahrnehmen.

Danach laufen wir durch Kreuzberg, an der vegetarische Metzgerei vorbei und essen Currywurst. Die Wartezeit ist lang, aber die Wurst schmeckt richtig gut.

Am Nachmittag geht es zu einem anderen „mindblowing“ Ort. Mitten in Marzahn, der Plattenbau Siedlung schlechthin, gibt es die „Gärten der Welt“, ein wunderschöner Park mit japanischen, koreanischen und orientalischen Gärten (und noch mehr), einem Irrgarten und Tausenden von Blumen.

Über den Park führt eine Seilbahn und auch eine Bobbahn gibt es mittendrin. Vom Wolkenhain aus sieht man die ganze Stadt.

Auf dem Weg zurück steigen wir an der Warschauer Straße aus. Dort gibt es Buden mit Street Food, vom rumänischen „Mici“ bis zu veganen indischen Wraps ist für jede/n was dabei. Ich unterhalte mich über Vegetarismus, Veganismus und Schwierigkeiten beim Reisen mit dem Mann, der Eis und Kuchen verkauft. Wir sind nicht ganz einer Meinung, aber wir respektieren jeweils die Meinung der/des anderen.

Das Partyareal drum herum ist richtig cool und ich sinniere, dass es so etwas in ganz Bayern nicht gibt. Berlin ist auch Diversität: arm (ja, doch!), reich, dünn, dick, schön oder nicht, jung, alt, vegan oder Omni, alle Hautfarben, alle gehören dazu. Und es passt alles irgendwie zusammen.

Wir sitzen noch eine Weile im Garten des Urban Spree, lauschen einer Diskussion am Nachbartisch über halluzinogene Pilze und irgendwann zieht es uns doch in Richtung Unterkunft, da es morgen noch Einiges zu tun gibt. Aus der S-Bahn fließt ein langer dichter Strom an Menschen, die sich ins Nachtleben begeben. Und ich muss zugeben, dass Berlin vielleicht nicht der schönste Ort der Welt ist, zumindest nicht überall, aber die geilste Stadt südlich des Nordpol.

Am letzten Tag stehen noch die Beelitzer Heilstätten auf dem Programm. Unterwegs zum Bahnhof Charlottenburg sehen wir einen Mann, der bettelt. Er hat mehrere Becher aufgestellt: einen für Essen, einen für Kleidung, weitere für Transport, Alkohol und Kiffen, so dass die Passant* innen zweckgebunden spenden können. Das Berliner THW gießt die Bäume. Der Zug ist sehr voll, und wir sitzen neben zwei Jungs, so 10-12 Jahre alt. Sie essen gemeinsam aus einer Tüte getrocknete Mangoscheiben und unterhalten sich völlig ernst über die Zuckermenge in Cola und anderen Lebensmitteln.

In den Heilstätten gab es früher eine sehr große Klinik für Tuberkulose-Patient*innen und alle möglichen Nebengebäude (inklusive Chirurgie und angeschlossem Kraftwerk). Nun sind die Gebäude verfallen.

Es gibt Geschichten aus dem Krieg und auch aus dem kalten Krieg (Erich Honecker soll von hier ausgeflogen worden sein). Im Internet wird spekuliert, dass es hier spukt ( und tatsächlich sind manche nächtlichen Besucher*innen auf der Suche nach Nervenkitzel auch verunglückt). Nun ist alles abgesperrt und kann nur mit Führung inklusive Helm besichtigt werden. Der Guide versichert, es gäbe hier keine Gespenster. Er hat keine Ahnung. Meine Handy Kamera macht plötzlich Fotos in Umrissen und kurz danach gibt auch dieses Gerät den Geist auf.

Aber nun brauche ich vorerst keine Kamera mehr. Schön war es. Ich komme wieder, sehr bald schon.

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