Abschied nehmen

Es ist toll, etwas zum ersten Mal zu machen. Es gibt unzählige Motivationssprüche „wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“. Ich mache neuerdings ständig etwas zum ersten Mal. Aber wie oft ist man sich dessen bewusst, dass man etwas zum letzten Mal macht?

Ich habe am Wochenende zum letzten Mal an einem Ort in Berlin-Charlottenburg übernachtet. Die Wohnung gehört meinem ehemaligen Arbeitgeber und ist, wie mein Arbeitsvertrag, bald Geschichte. Es war eine schöne Geschichte. Ich habe unzählige Nächte hier verbracht, alleine oder mit meinem Partner, manchmal mit Kolleginnen in Nachbarzimmer, beruflich wie privat. Ich habe wochenweise hier gearbeitet oder Urlaub gemacht. Die Wohnung kenne ich unter Berliner Hitze, im kalten Winter und im Regen. Ich kenne die Bäckereien in der Nähe, wo ich manchmal gefrühstückt habe, bevor es schnell zum Termin ging. Die Shisha Bars ohne Alkohol, wo mein Partner und ich im Urlaub die Abende verbracht haben. Die Pizza und Kebabläden und den Getränkemarkt, mit freundlichen Menschen und unanständig niedrigen Preisen. Charlottenburg ist nicht gerade ein Party-Hotspot, aber es ist schön hier. Es waren gute zehn Jahre, fast elf sogar.

Gestern Abend war mein letzter Abend dort. Ich kam von der S-Bahn zu Fuß, vorbei an der Wohnung mit einem Schaufenster, in die ich all die Jahre hinein gegafft habe. Ich schloss zum letzten Mal auf und machte mein Bett in dem hübsch eingerichteten Zimmer. Jemand hat an mich gedacht, es gab zwei Äpfel und eine nette Begrüßung.

Ich verließ am Morgen vor sechs die Wohnung und hatte keine Zeit, lange zurück zu schauen. Mein Zug fuhr sehr früh. Den Schlüssel wollte ich in den Briefkasten werfen, vergaß es aber schlaftrunken. Ich war etwas traurig, aber nur kurz. Das, was kommt, ist so spannend und neu.

Wann hast du das letzte Mal etwas zum letzten Mal gemacht? Vielleicht hast du das schon oft getan, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein wird. Sich an Nostalgie und dem Blick zurück festzuklammern, ist nicht unbedingt zuträglich für das Seelenheil. Kurz innezuhalten, sich der Lehren und Gaben aus diesem Erlebnis zu erinnern, bewusst Abschied zu nehmen, kann ein Geschenk sein und sogar helfen, mit etwas abzuschließen.

Und dann kannst du weiterzugehen, ohne dich umzudrehen. Es warten schließlich noch viele Dinge, die du zum ersten Mal machen wirst.

Tromsø, Nordlichter und Schnee

Tromso Hafen

Es war der Samstag vor Weihnachten, als ich mich spontan entschied, den Flug nach Tromsø zu buchen. Ich hatte eine unendlich lange „to do“ Liste und es fühlte sich alles schwer an. Aber ich hatte Sehnsucht nach dem schönsten Land der Welt und gleichzeitig wollte ich Kontakte mit Tourenanbietern knüpfen. Eine nette Begleiterin hatte sich auch schnell gefunden. Und tatsächlich ist Tromsø schneller zu erreichen als das Münsterland, zumindest von München aus. Der Flug dauert bloß ein wenig mehr als drei Stunden.

Der Anflug über die verschneiten, glitzernden Gipfel ist atemberaubend, so wie ich ihn auch in Erinnerung habe. Ich habe zum Glück einen Platz am Fenster. Die zwei jungen Männer neben mir fotografieren die Landschaft durch das Fenster mit Hilfe von Handy und Selfiestick.

Wir nehmen den Linienbus vom Flughafen und sind nach einer kurzen aber unglaublich schönen Fahrt in unserer Unterkunft.

Bed & Waffles ist fast vollständig ausgebucht. Wir bekommen von Jørgen noch eine Matratze in einem der Einzelzimmer, so dass wir zu zweit übernachten können. Es ist auch Platz genug und wirklich toll, hier zu übernachten. Jørgen gibt jedem und jeder das Gefühl, er oder sie wäre der wichtigste Gast überhaupt. Wäscht oder trocknet die Wäsche der Gäste, leiht Haartrockner, gibt in etwa fünf Sprachen Geheimtipps, bereitet den besten Waffelteig der Welt mit der weltbesten Erdbeermarmelade zu. Und mit mir unterhält er sich langsam und geduldig in seinem schönen Norwegisch.

Den ersten Tag verbringen wir in der Stadt. Ich suche in den Büchereien das eine oder andere Buch, das leicht genug ist, dass ich es verstehen kann, aber trotzdem nicht unbedingt todlangweilig. Ich kaufe Harry Potter (kenne ich eh auswendig) und den Kleinen Prinz.

Die Stadt hat eine Menge Sehenswürdigkeiten zu bieten – hier eine kleine Auswahl:

Tromsøbrua
  1. Die Eismeerkathedrale (Ishavskatedralen): eine wunderschöne Konstruktion in Stil eines Eisbergs auf der anderen Seite der Tromsøbrua (Tromsø Brücke). Nachts gibt es hier Konzerte, im Sommer unter der Mitternachtssonne und im Winter unter den Nordlichtern. Atemberaubend.
  2. Das Zentrum mit kleinen Holzkirchen, alten Gebäuden und kleinem Hafen.
  3. Die Mack Brauerei, die nördlichste Brauerei der Welt (Führungen fast täglich um 15:30) mit angeschlossenen Ølhallen (Bierhallen), und die älteste Kneipe der Stadt. Die Familie des Brauers stammt aus Deutschland, der aktuelle Chef hat in Weihenstephan bei München studiert. Das Bier gärt und gedeiht mit Hilfe von Musik von Elvis, Johnny Cash und anderen Musikgrößen. Auf der verkaufsfertigen Flasche findet man den Spotify Code, mit dem man die entsprechende Playlist abspielen kann. Unglaublich cool!
  4. Für so eine kleine Stadt beherbergt Tromsø ziemlich viele spannende Museen: unter andedren Polaria mit lebenden Robben, das Universitätsmuseum, das Polarmuseum oder Kunstmuseum und einige mehr.
  5. Das Cable Car (Fjellheisen), das alle halbe Stunde auf den Stadtberg fährt. Die Sicht ist einfach unbeschreiblich schön, im Winter wie im Sommer (und ich würde sogar wagen zu behaupten, bei jedem Wetter).

In der Stadt bewegen wir uns viel zu Fuß. Das Busnetz ist gut ausgebaut und wenn man die richtige Haltestelle findet, geht alles ganz einfach mit Hilfe der Apps Tromsø Mobilett (Mobile Fahrkarten) und Tromsø Reise (Fahrplanauskunft).

Man kann hier auch viele organisierte Aktivitäten buchen:

Es gibt viele tolle Anbieter (und einige hervorragende, zum Beispiel derjenige, mit dem ich ab nächstem Jahr sehr gerne arbeiten will). Hier eine Auswahl (wobei die Liste sowohl im Sommer wie Winter natürlich noch viel länger ist):

  1. Fotografie-Touren zu den Nordlichtern: die Nordlichter gleichzeitig zu bewundern und gut zu fotografieren ist nahezu unmöglich, zumindest für die meisten Menschen. Daher lohnt es sich wirklich, sich auf eins von beiden zu konzentrieren. Erfolgsversprechender ist das Bewundern, während das Fotografieren von Profis erklärt oder sogar übernommen wird.
  2. Fahrten mit Tesla unter den Nordlichtern oder, je nach Jahreszeit, der Mitternachtssonne. Teslas sind eine Augenweide. Die Nordlichter oder die Mitternachtssonne sowieso. Eine Kombination davon ist unbeschreiblich.
  3. In von Hunden oder von Rentieren gezogenen Schlitten fahren, bei Tag oder bei Nacht. In der Nacht gibt es die Möglichkeit, dabei auch die Nordlichter zu sehen.
  4. Fjordsightseeing per Boot und Bus, mit Übernachtung oder ohne, um so auf die entspannteste Art die Schönheit der gewaltigen Natur zu bewundern und auf sich wirken zu lassen.
  5. Organisierte Ski- und Schneeschuhwanderungen

… und vieles mehr.

Bezaubernde Nordlichter

Je nach Glück kann man auch ohne Tour die Nordlichter sehen. Schon am ersten Abend ist es für uns soweit: bei minus 12 Grad, eingepackt in etwa sieben Kleiderschichten, machen wir uns auf den Weg zum nahegelegenen See Prestvatnet. Wir tragen Stativ und Kamera durch die wunderbare, funkelnde Winterlandschaft. Dann stehen wir auf dem tiefgefroren See – und ich sehe nichts. Meine Begleiterin aber hat Adleraugen und meint, es wäre doch etwas zu sehen. Und bis ich „Lys“ (Licht) denken kann, ist sie da: die Aurora Borealis oder auch: das Nordlicht. Sie bewegt sich mal langsamer, mal schneller. Mal strömt sie wie ein Wasserfall über beleuchtete Häuser, manchmal flackert sie wie ein grünes kaltes Feuer. Und dann bewegt sie sich über unsere Köpfe, füllt den ganzen Himmel. Das auf Fotos einzufangen ist große Kunst, die ich nicht beherrsche. Es ist brutal kalt und bevor mir die Finger abfallen, gibt die Kamera auch ihren Geist auf. Aber es ist passiert, wir haben sie wirklich gesehen, die bezaubernden Nordlichter!

Die Nordlichter sind viel beeidruckender, als ich sie fotografieren konnte

Die heiße Dusche danach fühlt sich unglaublich gut an. Meine Begleiterin wäscht sich mit der Körperkreme und kremt sich danach mit dem Duschgel ein, das ist heute aber egal.

The Great Outdoors

Wie fast jede norwegische Stadt ist Tromsø zwar wunderschön, aber was ihren Reiz ausmacht, sind die Umgebungen, the great outdoors. Also steigen wir am Morgen in den Bus ein und fahren nach Kvaloya (Walinsel). Auf Schneeschuhen (Truga) wollen wir auf den 470 m hohen Rødinden steigen, um eine der wunderschönsten Aussichten zu genießen. Die Wanderung ist als leicht eingestuft (nach norwegischen Verhältnissen).

Etwa in der Mitte stellen wir fest, dass „leicht“ relativ ist. Meine Begleiterin möchte, dass ich alleine weiter gehe, sie will umkehren. Es schneit leicht, und die Sicht ist grau und sehr trübe. Ich finde es auch nicht reizvoll, bei den Sichtverhältnissen weiter nach oben zu gehen. Also kehren wir um und begegnen unterwegs einer Menge Menschen, die auf Skiern oder Schneeschuhen, mit Kindern, Hunden oder ohne auf den Berg gehen, mit einem Lächeln im Gesicht und, wie es mir scheint, leicht und mühelos. Andere Länder, andere Kondition.

Am Nachmittag sind wir wieder in der Stadt, kaufen Brunost (Braunkäse) und Lakritze bevor wir zu unserer Unterkunft laufen, um eine weitere Runde Waffeln zu vertilgen. Am Abend wandern wir zu der Kathedrale und Talstation der Fjellheisen. Die Häuser sehen aus wie aus einem Weihnachtsmärchen.

Schnee über Tromsø

Für den Tag danach ist viel Schnee angekündigt. Wir leihen uns wieder die Schneeschuhe aus und fahren mit der Seilbahn auf den Berg. Der Plan ist, dort oben zu wandern, möglichst bevor der Schnee kommt. Und so machen wir uns fröhlich auf den Weg. Die Sicht über Tromsø ist gigantisch, wenn auch der Fjord dunkelgrau schimmert. Aber wir kommen auch heute nicht bis zum Gipfel: kaum sind wir etwa die Hälfte des Weges gegangen, kommt der vorausgesagte Schnee. Wir sind in wenigen Minuten wie blind. Dort, wo mal die Bergstation war und dahinter die Stadt, sieht man nur noch weiß. Ich gehe vorne, versinke bis zum Knie im Schnee, trotz Schneeschuhen. Es ist steil aber das sehe ich nicht, ich sehe nur weiß. Habe den Pfad verfehlt und wir laufen nun über die gefrorene Oberfläche eines Bergsees.

Es dauert zum Glück nicht mehr lange, bis wir wieder an der Bergstation ankommen, wo wir uns mit einem heißen Getränk und Bratkartoffeln aufwärmen. Die Wanderung an sich wäre leicht, aber bei dem Wetter ist sie nahezu unmöglich.

Wer allerdings mehr Glück mit dem Wetter hat und aktiv um Tromsø unterwegs ist, hat hier einige gut erreichbare Möglichkeiten:

  1. Leicht: von der Bergstation des Cable Car bis zum Top (Fløya). Die etwa 200 Höhenmeter sind bei fast jedem Wetter eine leichte Übung (nur im Schneesturm nicht, dann aber eine Erfahrung wert).
  2. Leicht: Nattmålsfjellet auf Kvaløya, mit dem Bus 425 zu erreichen und nur etwa 300 Höhenmeter auf 2km einfache Strecke.
  3. Leicht: Ørnfløya auf Brennholmen, mit dem Bus 420 oder 422 erreichbar, 150 Höhenmeter auf 1km Strecke
  4. Medium (für Normalsterbliche): der oben erwähnte Rødinden, erreichbar aus der Stadt in etwa 20 Minuten mit dem Bus 42. Es sind etwa 500 Höhenmeter auf 2km einfache Strecke zu bewältigen und die Sicht soll bei klarem Wetter gigantisch sein. Leider hatten wir kein klares Wetter, also muss ich wieder kommen, um mich davon zu überzeugen, dass es wirklich so ist.
  5. Medium: zu Fuß auf den Stadtberg Storsteinen steigen. Sommer 2017, als ich ihn erklomm, lag der Schnee noch fast bis zum Knie und es war nicht ganz leicht, nach oben zu kommen. Vermutlich ist das im Winter noch eine Stufe härter. Allerdings darf man nicht von sich auf andere schließen…

Anmerkung: Im Winter geht es besser (oder fast nur) auf Schneeschuhen oder Skiern.

Und wer noch mehr Vorschläge will, hier noch einige von einer lokalen Bloggerin.

Am letzten Tag gehen wir noch ins Museum, spazieren durch die Stadt und essen einen unglaublich leckeren Kuchen, bevor wir uns auf zum Flughafen machen. Und kurz vor der Bushaltestelle passiert es: ich finde in einem Geschäft ein wunderschönes rotes Kleid. Damit wäre bewiesen, dass auch Shopping in dieser schönen Stadt nicht zu kurz kommen muss (wenn auch bei mir nicht wirklich geplant).

Bevor ich es vergesse, eine weitere wichtige Sache: man kann in Tromsø, wie in anderen norwegischen Städten auch, einigermaßen ok bezahlbar essen. Man darf sich nur nicht der Illusion hingeben, das kulinarische Angebot wäre wie in Spanien oder ähnlich… Wir haben relativ gut in der Pizzeria Pinocchio gegessen, sehr gut im Restaurant Egon und auch in der Huken Brygg gab es eine tolle Speisekarte (da konnten wir allerdings nichts mehr essen nach der Waffelorgie am Nachmittag). Sonst gibt es überall Imbissbuden und fast immer offene Narvesen oder SevenEleven mit Fast Food (dort habe ich sogar einmal ein sehr leckeres veganes Burrito ergattert).

Am Tag der Abreise begegnet uns ein alter Herr aus Hamburg, der allein unterwegs ist, um die Nordlichter zu sehen. Wir kommen ins Gespräch und er outet sich schnell als Fan meines Heimatlandes. Und so stehen wir mitten auf der Straße weit nördlich des Nordpolarkreises, neben Bergen von Schnee, und quasseln über Rumänien und die Orte, an die meine Rumänienreise im Herbst führt.

Ich steige in den Flieger und bin wie immer traurig, wenn ich hier weg muss. Aber nicht so traurig wie sonst: die nächste Reise in das schönste Land der Welt ist bereits gebucht.

Rumänien, der Ort meiner Kindheit und Jugend

Dies ist mein Beitrag zu der Blogparade von Sandra Wickert von Tracksandthecity, #meineroots. Liebe Sandra, das Thema ist wirklich schön, danke für diese Vorlage.

Rumänien liegt nah, ist bisher aber weitgehend noch unbekannt und vom Massentourismus verschont geblieben

So nah aber trotzdem fern und vom Massentourismus noch unberührt liegt mein Heimatland Rumänien. Keine zwei Flugstunden entfernt findet man sich fast in einer anderen Welt wieder. Und doch auch nicht. In den Städten leben viele junge Menschen, die genauso aussehen und mit den Nasen in ihren Smartphones herum laufen, wie überall auf der Welt. Es gibt (zu) viele Autos tolle Hotels, gute Restaurants, Bars, Kneipen und Malls, neuerdings auch viele Festivals. Gleichzeitig findet man in Rumänien tolle mittelalterliche Bauten und Gebäude, Schlösser und Burgen. Wenn man allerdings die Städte verlässt, kommt man in Dörfer, wo die Menschen wie vor Jahrhunderten leben und arbeiten. Oder in Dörfer, die fast verlassen sind und geisterhaft vor sich hin verfallen. Die Alten sind gestorben, die Jungen sind in die Stadt gezogen.

Wenn man wirklich ins Abenteuer will, gibt es auch noch herrliche bewaldete Berge, die Karpaten, wo mehrere tausend Braunbären leben und wo man wunderbar wandern kann. Ich habe übrigens noch nie einen Bären in Rumänien getroffen, obwohl ich viele Kilometer durch meine Transsylvanischen Berge gewandert bin.

Märchenhafte Stimmung

Dann gibt es noch das Donaudelta, wo einzigartige Tiere und Pflanzen beheimatet sind. Es gibt auch die Klöster in Moldawien, deren Fresken mit Farben gemalt sind, die sonst nirgends auf der Welt zu sehen sind, tiefe dunkle Seen und grüne Wälder. Und vor allem unglaublich nette und gastfreundliche Menschen.

Meine rumänische Heimatstadt Cluj-Napoca hat es völlig zu Recht beim Reisereporter auf die Liste der Top Places 2018 geschafft
Nationaltheater Cluj

Cluj-Napoca ist nach rumänischen Verhältnissen eine Großstadt, die zweitgrößte Stadt Rumäniens, aber klein genug, um alles zu Fuß zu erkunden. In der Universitätsstadt leben viele junge Menschen (und ich habe die Beobachtung gemacht, dass bei jedem meiner Besuche die Einwohner jünger und jünger werden…).

Ich habe in Cluj-Napoca meine Kindheit und Jugend verbracht und war überzeugt, jede Straße in- und auswendig zu kennen. Hier, an dieser Ecke habe ich verliebt auf meinen damaligen Schwarm gewartet (der dann nicht kam). Dort, vor der Universität, habe ich mit klopfendem Herzen auf die Ergebnisse meiner Aufnahmeprüfung geschaut und bin vor Freude durch den nahegelegenen Park gehüpft, weil ich es geschafft hatte.

In der Stadt gibt es eine Konditorei, wo ich die besten Kuchen der Welt gegessen habe. Erfreulicherweise gibt es diese immer noch. Bei jedem Besuch nehme ich zehntausende von Kalorien in Form von Fett und Zucker zu mir und verspüre nicht die geringste Reue. Ein paar Straßen weiter steht noch die Schule, wo ich jahrelang Tag für Tag viele Stunden verbracht habe, Erfolge gefeiert (in Mathe und Sprachen) und kläglich gescheitert bin (in Handarbeit und Sport). Dort habe ich Freundschaften geschlossen und war einsam, habe gelacht, geweint, mich glücklich und unendlich traurig gefühlt, so wie es sich für die Teenagerjahre gehört.

An einem schönen Vormittag vor zwei Jahren habe ich mich in meiner Heimatstadt verirrt. Dort, wo vor wenigen Jahren nur Felder und Hügel standen, stehen heute ganze Stadtteile. Es war immer noch meine Stadt, ich verstand die Sprache und Google Maps zeigte, dass ich mich gar nicht so weit weg vom Haus meiner Eltern befand. Es war, als ob ich durch eine Pforte in eine andere Welt, oder besser gesagt, in eine andere Zeit geschritten wäre. Ich wanderte auf Straßen, die wenige Jahre zuvor nicht existiert hatten, entlang an Gebäuden, die seit sehr kurzer Zeit standen und wovon viele sich noch im Bau befanden.

Es gibt aber auch Orte in meiner Heimatstadt, die man lieber verdrängen und vergessen möchte

Am Rande der Stadt, auf der städtischen Müllhalde leben zahlreiche Familien, zum Teil in der dritten Generation. Es ist ein Ort, den man in Städten wie Manila oder Delhi vermutet, allgemein unter dem Namen “Slum” bekannt. Die Menschen hier haben zum Teil keine Papiere und somit existieren sie für die eh dürftigen Sozialsysteme in Rumänien nicht. Der Rest der rumänischen Gesellschaft würde solche Orte am liebsten vergessen und verdrängen.

2014, an einem kalten Samstagmorgen im Herbst, habe ich mit einer sozialen Organisation diesen Ort besucht. Wir sind in Gummistiefeln bis zu den Knien durch Schlamm gewatet, hin zu unbeschreiblichen Bretterbuden, um Kinder einzusammeln und mit zu nehmen, in einen kleinen warmen Raum, in dem wir für sie ein Frühstück vorbereitet hatten. Ein Mädchen von etwa 12 Jahren bat uns, kurz zu warten, sie wollte ihren Bruder auch mitnehmen. Dann kam sie aus einer Bretterbude und schob einen kleinen Rollstuhl, in dem ein kleiner Junge von etwa sieben Jahren saß. Er redete viel, war leicht bekleidet und trug trotz des kalten Wetters bloß Socken. Ich fragte nach seinen Schuhen, aber die Schwester zuckte mit den Schultern und sagte, das brauche er ja nicht, er könne ja doch nicht gehen. Ich habe keine Bilder von dem Ort und den Menschen dort, es schien mir einfach nicht richtig, welche zu machen. Es gibt allerdings hier einen lesenswerten Artikel darüber.

Das urbane Rumänien ändert sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit

Ich wohne seit 1996 nicht mehr in Rumänien und die ersten Jahre habe ich mein Land gar nicht besuchen wollen. Mir war alles zu eng und klein, ich wollte mich weiterentwickeln und Abstand gewinnen. Als der Abstand dann groß genug wurde, bin ich wieder hingefahren. Ich fahre etwa alle zwei Jahre nach Rumänien, wobei es mich nicht immer in meine Heimatstadt zieht. Beruflich bin ich mehrmals nach Sibiu (Hermannstadt) und Bukarest geflogen und jeder Besuch war für mich eine gute Überraschung. Sibiu war 2007 europäische Kulturhauptstadt und hat als erste rumänische Stadt den Status einer modernen Stadt erreicht. Die Häuser mit Augen, die Lügenbrücke und viele andere Sehenswürdigkeiten machen diese Stadt zu etwas Besonderem (wer Lust hat, Sibiu und andere schöne Orte in Rumänien live zu sehen, hier ist meine Reise in 2019 dahin).W

Nicht meine Heimatsstadt, aber sehr sehenswert: Sibiu alias Hermannstadt

Dann kam vor etwa zwei Jahren der Moment, wo ich es einsehen musste: Rumänien ist weder eng noch klein, sondern jung, innovativ und unerschrocken. Dort, wo es im Vorjahr einen Lebensmittelladen gab, steht nun ein Friseursalon. Vor zwei Jahren gab es genau dort eine private Zahnarztpraxis. Die Menschen versuchen, etwas auf die Beine zu stellen, scheitern vielleicht, stehen auf und versuchen es erneut. Unternehmer*in zu sein war in Rumänien jahrzehntelang nicht möglich, aber jetzt ist es völlig normal. Es gibt aber auch größere Investitionen, wie zum Beispiel einen Ort am Rande Cluj-Napocas, wo man reiten, Mountainbikes mieten, essen, übernachten, entspannen, mit dem Heißluftballon fliegen, Tennis oder Karten spielen, in der Kapelle beten oder heiraten und dabei seine Kinder in der als Schloss gestalteten Kindertagesstätte betreuen lassen kann. Es sind Orte wie diese, die in Deutschland gar nicht denkbar wären, aus so vielen Gründen, dass ich gar nicht anfangen will, sie hier aufzuzählen.

Ich stand also dort im Wonderland (der Ort heißt tatsächlich so) am Start der Rodelbahn (das gibt es dort auch) und schaute auf meine Heimatstadt. In dem Moment habe ich zum ersten Mal verstanden, dass Rumänien nicht nur wirtschaftlich aufgeholt hat, sondern dass es ein tolles Land ist, wo es sich zu leben lohnt. Wäre ich nicht ausgewandert, wäre mein Leben zwar ein anderes, aber nicht unbedingt schlechter.

Was kann man als Tourist*in Cluj-Napoca machen?

Hier eine rein subjektive Auswahl der Aktivitäten, die ich gerne empfehlen würde, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Das historische Zentrum Cluj
  1. Das historische Zentrum besuchen: eine Menge Sehenswürdigkeiten auf kleinem Raum versammelt, von römischen Ausgrabungsstätten bis zu mittelalterlichen Mauern, Palästen und Kirchen aus dem 13. bis 21. Jahrhundert.
  2. Durch den botanischen Garten spazieren: am schönsten im Frühjahr oder Sommer, wenn alles blüht. Aber auch zu anderen Jahreszeiten lohnt es sich, diese Oase der Ruhe mitten in der Stadt zu besuchen.
  3. Das Freiluftmuseum anschauen: ich war schon immer sehr von Freiluftmuseen begeistert, sodass ich auf meinen Reisen einige gesehen habe. Das Museum in Cluj ist aber besonders. Nicht nur, dass es eines der Ältesten Freiluftmuseen der Welt ist (es existiert seit 1929), sondern es ist klein, schön gelegen und auf unerklärliche Weise sehr wenig besucht.
  4. Laut Wikipedia gilt das Waldgebiet Hoia-Baciu offiziell als Erholungs- und Wandergebiet. Viele behaupten allerdings, dass hier einige paranormale Phänomene beobachtet worden seien. Ich persönlich bin der Meinung, dass man sich selber umschauen und überzeugen sollte, was dort passiert! Am besten bei Nacht.
  5. Es gibt viele Parks und Grünanlagen, die zum Spazieren und Verweilen einladen, wie zum Beispiel Parcul Central oder Parcul Cetatuie auf einem Hügel mit wunderschönem Panoramablick über die Stadt.
  6. Die Umgebungen besuchen, zum Beispiel Cheile Turzii (Thorenburger Schlucht). Die etwa zwei Kilometer lange Schlucht wird vom Hasdate-Bach durchflossen, der sich hier in den Kalkstein eingegraben hat und somit den Höhenrücken des Trascau-Gebirges durchbricht. Beiderseits wird die Klamm von etwa 300 Meter hohen Steilwänden begrenzt. Ebenfalls in der Umgebung befindet sich das Salzbergwerk (Salina) Turda.
Das Freiluftmuseum in Cluj

Das kulinarische Angebot in Rumänien allgemein und speziell in Cluj verdient einen Blogartikel für sich. Deswegen hier nur so viel: auch wenn die rumänische Küche grundsätzlich deftig und sehr fleischlastig ist, kann man in Cluj-Napoca, wie in ganz Rumänien, wunderbar vegan essen, wenn man weiß, wie. Der Geheimtipp ist: man muss lediglich nach Fastenessen fragen. Wenn man allerdings die vermutlich besten und kalorienreichsten Kuchen der Welt genießen möchte, besucht man die Konditorei (Cofetaria) Carpati genau im Zentrum.

Alles in allem ist Cluj-Napoca eine tolle Stadt, die sich in den letzten Jahren unglaublich entwickelt hat und wo es mir Spaß macht, für einen Besuch zurückzukehren. Auch wenn die Menschen darin immer jünger werden und manche Straßenzüge einfach wie aus dem Nichts und über Nacht erscheinen.

12 Fakten über mich, die etwas mit meiner Reisetätigkeit zu tun haben

Das ist mein Beitrag zur Blogparade von Birgit Schultz, Marketing-Zauber – ich freue mich sehr, dass ich mitmachen darf.

1 Ich habe Auto fahren gelernt, bevor ich Fahrrad fahren konnte. Den Führerschein habe ich mit 23 Jahren bestanden, als ich Rad fahren gelernt habe, war ich 27 1/2. Wie kommt das? Ich bin in Osteuropa geboren und aufgewachsen und bei uns hatte damals nicht jedes Kind ein Rad, und bei mir hat es sich einfach nicht ergeben. Allerdings fahre ich seitdem über 3.000 Kilometer im Jahr mit dem Rad (und deutlich weniger bis gar keine mit dem Auto), und das fast nur durch die Stadt (zur Arbeit und zurück, für diverse Besorgungen). Ich liebe es einfach, Wind, Sonne, manchmal Regen zu spüren, unabhängig sein. Und günstig ist das zudem auch.

2 Bislang bin ich vier Fernwanderwege gegangen (drei davon in Deutschland und einen in Nordengland) und einen Radwanderweg gefahren. Seit meinem ersten Fernwanderweg kann ich unglaublich gut und sparsam packen. Ich reise mit dem kleinsten Koffer oder einer kleinen Tasche, und bislang hat mir nie etwas gefehlt.

3 Ich habe vier Studienabschlüsse (einen im Ausland und drei in Deutschland) die alle etwas mit Wirtschaft oder Management zu tun haben. Einige davon habe ich parallel gemacht und neben dem Job und Kind. Was das mit meiner Reisetätigkeit zu tun hat? Dabei habe ich gelernt, alles termingerecht und zuverlässig zu organisieren. Auch bei komplizierten Reisen hilft es sehr, alle wichtigen Details im Griff zu haben.

4 Meine erwachsene Tochter ist fast so reiseverrückt wie ich und außerdem eine erfolgreiche Instagrammerin mit über sechzigtausend Followern (@jessy.ann).

5 Ich liebe, kreativ zu kochen und zwar simpel und vegetarisch (meist vegan, auch zu Weihnachten). Dabei versuche ich, das zu benutzen, was gerade verfügbar ist. Das hilft auf Reisen in Ländern, wo die Preise für Essen in Lokalen, sagen wir mal, sehr ‘gut gewürzt’ sind (wie zum Beispiel in Skandinavien).

6 Seit 2006 engagiere ich mich ehrenamtlich und seit 2016 bin ich freiwillige Helferin beim THW. Bislang bin ich Mitglied der Beleuchtungsgruppe aber ich möchte mich ab 2019 in die Küche transferieren lassen. Das klingt wie ein Klischee, ist aber genauso wichtig wie die anderen Tätigkeiten im THW, wenn nicht sogar wichtiger (weil die Kollegen und Kolleginnen im Einsatz natürlich auch eine gute Verpflegung brauchen). Toll finde ich immer die jährliche Erste-Hilfe-Ausbildung.

Nachtrag am 14. Januar 2019: ob in der Beleuchtungsgruppe oder Koch/Köchin, wenn es notwendig ist, schippen wir auch tonnenweise Schnee, so wie heute in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Das waren wir 🙂

7 Auch seit 2016 praktiziere ich leidenschaftlich Taekwondo. Es gibt den Spruch, dass jede und jeder irgendwann etwas in Taekwondo besonders gut kann. Manche sind  sehr gut beim Formlaufen (Hyong), andere kämpfen gut, einige sind besonders schnell, besonders elegant und präzise, oder stark beim Bruchtest. Ich habe mein besonderes Talent noch nicht gefunden, bin immer noch auf der Suche…. Was aber Tatsache ist: ich bin zäh. Das heißt, ich bin beharrlich und lasse mich nicht unterkriegen, egal wie schwierig es wird. Damit habe ich es bis zum blau-roten Gurt gebracht! Eines Tages werde ich auch meinen schwarzen Gurt bekommen, egal wie lange es dauert, wie viele Liter Schweiß (und manche Tränen) noch fließen werden und wie viele blaue Flecken es noch geben wird.

8 Ich habe eine blühende Fantasie und schreibe sehr gerne, obwohl ich nach Jahrzehnten in  Deutschland immer noch jemanden brauche, die meine Beiträge Korrektur liest (Danke an dieser Stelle an alle guten Seelen, die ich damit quäle). Ich kann über alles schreiben, brauche oft nur ein Stichwort (hier eine Geschichte, die ich nach dem Stichwort „Liebesmärchen“ geschrieben habe. Barbara Messers Schreibworkshop war wunderbar!).

9 Da ich in einer Diktatur groß geworden bin, steht Freiheit auf meiner Werteliste ganz oben. Zum Beispiel kann ich mich nicht unterwürfig verhalten und ich sage immer meine Meinung, auch wenn diese nicht gefällig ist. Wer es aber damit aushält, wird an mir schätzen, dass ich auch immer das mache, was ich sage, so dass man sich auf mich bedingungslos verlassen kann.

10 Ich habe Urlaub an sehr exotischen Orten gemacht: zum Beispiel in Brandenburg oder auf der Schwäbischen Alb. Ich bin auch durchs Saarland gewandert. Außerhalb Europas war ich nur ein Mal (beruflich in Ghana) und werde vermutlich auf Fernreisen gehen, sobald ich alles in Europa gesehen und erlebt habe, so in etwa hundert Jahren. Das wird dann auch sehr nachhaltig möglich sein, da wir uns dann alle hin und her beamen können. Spaß beiseite: ich bin gut darin, das Besondere an einem Ort zu finden, auch wenn das nicht unbedingt in jedem Reiseführer steht.

11 Ich liebe Nordeuropa sehr und insbesondere Norwegen. Die Natur, die Gelassenheit der Menschen, die Sprache, die ich gerade lerne, die besten Erdbeeren der Welt (ach, des Universums), der Lakritz der Marke Kick, die Mitternachtssonne, die Polarnacht, der braune Käse (Brunost), auch den Regen finde ich dort schön und noch tausend andere Sachen. Schweden und England sind allerdings auch wunderbare Länder. Und auf das magische Island, wo ich 2019 meine erste Reise führen werde, freue ich mich immens.

Island ist atemberaubend. Foto: Peter Cywka

12 Ich träume davon, so oft wie möglich in Skandinavien zu sein und vielleicht eines Tages sogar dorthin auszuwandern. Eine fast einsame Insel im Atlantik mit einem Leuchtturm wäre schön. Dort könnte ich im Sommer ein kleines Gästehaus mit vegetarischer Küche führen, Wanderungen anbieten und im langen dunklen Winter ein Buch schreiben. Die interessante Frage dabei ist, ob mein Mann auf meine Insel mitkommen will, oder ob er lieber auf die einsame Insel nebenan will (oder muss…). Darüber werden wir uns aber Gedanken machen, wenn es soweit ist.

Drei Tage Stockholm

Ich gebe zu, die ganze Idee mit Schweden war ursprünglich aus der Not geboren. Ich kann mir Norwegen nicht zwei Mal im Jahr leisten und schon gar nicht erst, nachdem ich meinen Job gekündigt habe. Schweden ist das Nachbarland  des schönsten Landes der Welt und wird sich von Norwegen nicht groß unterscheiden (dachte ich). So in etwa wie Deutschland und Österreich (ich weiß, ich muss mich bücken, um den Sachen aus dem Weg zu gehen, die nach mir geworfen werden. Zu Recht…).
 
Wir fliegen um 16 Uhr über Stockholm und es ist stockfinster. Die Stadt auf 14 Inseln ist hell beleuchtet und von oben sieht man schon, sie ist eine Nummer größer als Oslo. Der Schnellzug vom Flughafen ist allerdings vergleichbar schnell: 20 Minuten braucht er für die etwa 40 Kilometer vom Flughafen in die Stadt (man kann übrigens online die Karten für den Arlanda Express deutlich günstiger kaufen, wenn man zu zweit reist).
Unser Hotel im Södermalm liegt auf einem im Hafen fest verankerten Boot.
 
 
 
 
Die Koje ist winzig, mein Partner und ich müssen uns absprechen, wer sich wann umziehen darf. Dafür ist es günstig und hat eine tolle Atmosphäre. Wir sitzen Abends in der Hauptkabine, die zu einer Bar umfunktioniert wurde, schlürfen Julöl (Weihnachtsbier) und ich muss zugeben, die Stadt die sich “Hauptstadt Skandinaviens” nennt, ist toll. Ich wage zu behaupten, dass Stockholm etwas hat, was ich in Oslo nicht so wahrgenommen habe: Stil. Das kann man auch in den vielen Einkaufsstraßen und Einkaufszentren sehen.
Das Opernhaus strahlt lila, rot, gelb oder blau.
 
 
 
 
Stockholm ist auch eine entspannte skandinavische Stadt. Bis auf eine Ausnahme: man darf niemals nie in einer großen Bücherei rein gehen, die sonst auch Bücher auf Englisch und sogar Deutsch hat, und nach einem Buch auf Norwegisch fragen. Der Verkäufer erinnert höflich, dass wir hier in Stockholm sind, und das liege in Schweden. Das wüsste ich, antworte ich. Der Satz klingt auf Schwedisch und Norwegisch gleich,  bilde ich mir ein. Die lange Antwort, die folgt, verstehe ich zum Großteil auch, aber habe den Eindruck, dass es nur der skandinavischen Höflichkeit geschuldet ist, dass mir der Verkäufer nicht mit dem nackten Hintern ins Gesicht springt.
 
Nun aber was tun in Stockholm Mitten im Winter? Folgende Sachen sind (fast) kostenlos und ziemlich beeindruckend:
 
1. Ein Spaziergang durch das festlich geschmückte Gamla Stan, die Altstadt, am besten nach Ladenschluss. Sonst ist die Gefahr zu groß, doch in den Chokladfabriken zuzuschlagen. U-Bahn blaue Linie, Haltestelle Gamla Stan.
 
 
 
 
2. Mit der Fähre zur Museuminsel. Mit der normalen Bus- und Bahnfahrkarte kann man auch mit der Fähre fahren. Achtung: Google Maps ist nicht ganz up-to-date bezüglich der Haltestellen. Besser fragen oder zumindest nochmals schauen, bevor man auf der falschen Insel aussteigt. Von Slussen Kajen die Fähre 53, am Allmäna Gränd aussteigen.
 
 
 
 
3. Alternativ kann man mit der alten Cafe-Trambahn fahren: kostet auch nur die Fahrkarte, es sei denn, man bestellt Kaffee oder Glögg. Ab Nybroplan.
 
 
 
 
4. In der Stadtbibliothek eine Runde drehen (im wahrsten Sinne des Wortes). Die Bibliothek ist rund und schön und für jedermann und jedefrau kostenlos often. U-Bahn Station Odenplan.
 
 
5. Schlittschuhlaufen in Kungstradgardenpark, live Musik inklusive. Auch das ist kostenlos, nur die Schlittschuhe muss man ausleihen.
 
 
 
 
6. Das Mittelmeermuseum mit Exponaten aus dem antiken Mittelmeerraum sowie das Mittelaltermuseum sind kostenlos und beide richtig interessant. Das Café im 1. Stock des Mittelmeermuseums ist sehr hübsch. Zu erreichen vom Hauptbahnhof zu Fuß in etwa 10 -15 Minuten.
 
 
 
7. “Schaufenster Shopping” auf dem roten Teppich auf dem Bibliotheksgatan, teure Geschäfte und im Dezember eine tolle Weihnachtsstimmung inklusive. Ubahnstation Odenplan.
 
 
 
 
8. Wenn es schon richtiges Shopping sein soll, lieber auf die Götgatan in Södermalm. U-Bahn Haltestelle Slussen, dann auf Götgatan gehen. Egal, in welche Richtung. Etwas, das gekauft werden will, findet sich schnell…
 
9. Die Östermalm Markthallen sind toll anzuschauen und es gibt viel Auswahl an Essen, zumindest wenn man Fleisch oder Fisch mag und auch über ein etwas höheres Budget verfügt. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich hole mir daher ein Brownie bestehend zu 99% aus Zucker und Fett bei 7 Eleven um die Ecke. Danach brauche ich 3 Tage nichts mehr Essen (ich tue das trotzdem, aber das ist eine andere Geschichte).
 
10. Nicht kostenlos ist ein Besuch in das älteste Freilichtmuseum der Welt, Skånsen. Das ist es aber definitiv Wert. Vor allem der Weihnachtsmarkt mit schwedischen Weihnachtsliedern, auf die die Menschen tanzen,  ist einfach toll. Es gibt zahme Wölfe und auch Rentiere zu sehen (etwas unmotiviert kurz vor Weihnachten) und viele Häuser, in denen man alte skandinavische Weihnachtstraditionen erleben kann. Djugårdslätten, mit Fähre oder Tram zu erreichen.
 
 
 
11. Das Fotografiemuseum Fotografiska ist einfach wunderbar. Eine zauberhafte Ausstellung namens “Wonderland” und eine sehr berührende Dauerausstellung sind den Preis wert.
 
 
 
Was man auch noch in Stockholm machen kann, aber nicht muss, meiner Meinung nach:
 
12. Den Palast (Kungliga Slotten) besuchen: die schwedischen Royals sind sympatisch und der Palast ist echt schön. Die Menschendichte und der Preis sind allerdings etwas hoch.
 
 
 
13. Das Abba Museum: schön gemacht und die Musik macht Laune, aber eher etwas für Fans. Auch das ist relativ teuer und am Wochenende sehr voll. Djugårdslätten, mit der Fähre oder Tram zu erreichen.
 
Was ich diesmal nicht gemacht habe, ich will ja noch etwas auf meiner Stockholm Bucket-Liste übrig haben:
 
14. Die Millennium Stadttour- auf den Spuren von Michael Blomquist und Lisbeth Salander. Online über die Seite des Stadtmuseums zu buchen.
 
15. Ausgehen in Södermalm oder auf dem Nachbarsboot, Patricia’s. Beide sind auch im Reiseführer hoch gelobt, aber für dieses Mal ist es einfach nicht mehr drin.
 
Bald geht es per Nachtzug weiter nach Norden, in die fast ewige Dunkelheit. Und hoffentlich auch zu den Nordlichtern.