Von Hexen, Riesen und Yoga: magische Tage auf der Seiser Alm

Nachdem ich England unverhofft überlebt habe, und bevor es demnächst nach Norwegen geht, meine ich, ich hätte mir ein entspanntes Wochenende verdient. Und auch mein Partner hat sich überreden lassen, zum Yoga Retreat nach Südtirol mitzukommen. Die Seiser Alm in den Dolomiten ist laut Wikipedia die größte Hochalm Europas und als Weltnaturerbe anerkannt.

Schon die Reise dorthin ist ein Erlebnis. Auf etwa 10 Kilometer steigt die serpentinenreiche Straße über 1000 Höhenmeter an. Die Temperaturen sinken um fast 10 Grad, was an einem heißen Sommertag gar nicht mal so schlecht ist. Oben angekommen, riecht es frisch nach Regen. Die Wiesen strahlen hellgrün und sind gelb gesprenkelt mit Löwenzahn und kriechenden Hahnenfuß. Hier und da wächst blauer Enzian.

Im Hintergrund ist der 2563 m hohe Schlern zu sehen, ein Berg mit einer bizarren Felsformationen – wie Reißzähne riesiger Fabelwesen.

Auf der Seiser Alm soll es von Hexen beiderlei Geschlechts und auch von Riesen nur so wimmeln. Unterwegs zwischen Compatsch und Saltria liegt ein sehr großer Stein, der Tschonstoan, ganz weit von dem Berg entfernt. Der Überlieferung nach wurde der Stein von dem Hexenmeister Kachler Hans bei einem Wutanfall von der Schlernspitze hinunter auf die Seiser Alm geworfen.

Auf dem Schlern versammelten sich einst die Schlernhexen, um schwere Unwetter auszubrüten. Dass sie heute noch aktiv sind, stellen wir am Abend fest: während wir bei Yoga entspannen, geht die Welt draußen im Gewitter unter. Aber nur für kurze Zeit, am Morgen danach ist die Welt wieder da, strahlend grün und blau.

Die Geschichte der Hexen hat einen traurigen historischen Hintergrund. Auch hier mussten Menschen, meistens Frauen, ihr Leben auf dem Scheiterhaufen lassen, 28 Frauen und 2 Männer wurden zwischen 1506 und 1510 der Hexerei angeklagt und verurteilt.

Am zweiten Tag geht’s zum Wandern bei den Hexenbänken, Steinformationen und zu den Ruheplätzen der Schlernhexen auf dem Puflatsch.

Es sind nicht viele Tiere zu sehen: ein Esel, eine kleine Ziege mit einem noch kleineren Zicklein im Schlepptau, beide wenig menschenscheu.

Am nächsten Tag überqueren wir einen Wildbach und kommen an einem Waldstück vorbei. Ein Reh schaut uns mit großen Augen an und verschwindet bevor ich das Wort „Kamera“ nur denken kann, schnell in den Wald. Es ist ein magischer Augenblick an einem magischen Ort. Die Alm liegt hoch, ist aber von noch viel höheren Bergen umgeben. Sie ist voller Menschen, aber man findet trotzdem ruhige Orte. Die Holzhütten sehen so aus, als ob sie seit Jahrhunderten dastehen würden. Aber die vielen modernen Seilbahnen und Elektroräder, die wir sehen, holen uns wieder in die heutige Zeit zurück.

Die Hexen meinen es gut mit uns, der Regen setzt jeden Tag erst dann ein, wenn wir im Trockenen sind, entweder im Wellnessbereich unseren Hotels oder entspannt auf der Yogamatte. Die gut gelaunte Nina gibt Anweisungen und demonstriert die Asanas mit der Grazie einer Waldfee.  Wenn ich sie so sehe denke ich, dass ich das auch schaffen würde, wenn ich nur weitere 300 Jahre übe. Das Abendessen ist jedes Mal wunderbar abwechslungsreich und auf Anfrage vegan, die Gesellschaft nett.

Am Abreisetag ist der Himmel noch klarer und die Farben noch frischer. Und ich muss dran denken, dass vor 250 Millionen Jahren hier ein Korallenriff war, das vor Fischen, Muscheln und anderen Meereswesen nur so wimmelte und auch Vulkane brodelten unter dem Meeresspiegel. Das erfüllt mich mal wieder mit Ehrfurcht vor den Wundern, die es auf dieser Erde gibt und mit Dankbarkeit, dass ich diese kleine zauberhafte Ecke erleben darf.

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