Rumänien, der Ort meiner Kindheit und Jugend

Dies ist mein Beitrag zu der Blogparade von Sandra Wickert von Tracksandthecity, #meineroots. Liebe Sandra, das Thema ist wirklich schön, danke für diese Vorlage.

Rumänien liegt nah, ist bisher aber weitgehend noch unbekannt und vom Massentourismus verschont geblieben

So nah aber trotzdem fern und vom Massentourismus noch unberührt liegt mein Heimatland Rumänien. Keine zwei Flugstunden entfernt findet man sich fast in einer anderen Welt wieder. Und doch auch nicht. In den Städten leben viele junge Menschen, die genauso aussehen und mit den Nasen in ihren Smartphones herum laufen, wie überall auf der Welt. Es gibt (zu) viele Autos tolle Hotels, gute Restaurants, Bars, Kneipen und Malls, neuerdings auch viele Festivals. Gleichzeitig findet man in Rumänien tolle mittelalterliche Bauten und Gebäude, Schlösser und Burgen. Wenn man allerdings die Städte verlässt, kommt man in Dörfer, wo die Menschen wie vor Jahrhunderten leben und arbeiten. Oder in Dörfer, die fast verlassen sind und geisterhaft vor sich hin verfallen. Die Alten sind gestorben, die Jungen sind in die Stadt gezogen.

Wenn man wirklich ins Abenteuer will, gibt es auch noch herrliche bewaldete Berge, die Karpaten, wo mehrere tausend Braunbären leben und wo man wunderbar wandern kann. Ich habe übrigens noch nie einen Bären in Rumänien getroffen, obwohl ich viele Kilometer durch meine Transsylvanischen Berge gewandert bin.

Märchenhafte Stimmung

Dann gibt es noch das Donaudelta, wo einzigartige Tiere und Pflanzen beheimatet sind. Es gibt auch die Klöster in Moldawien, deren Fresken mit Farben gemalt sind, die sonst nirgends auf der Welt zu sehen sind, tiefe dunkle Seen und grüne Wälder. Und vor allem unglaublich nette und gastfreundliche Menschen.

Meine rumänische Heimatstadt Cluj-Napoca hat es völlig zu Recht beim Reisereporter auf die Liste der Top Places 2018 geschafft
Nationaltheater Cluj

Cluj-Napoca ist nach rumänischen Verhältnissen eine Großstadt, die zweitgrößte Stadt Rumäniens, aber klein genug, um alles zu Fuß zu erkunden. In der Universitätsstadt leben viele junge Menschen (und ich habe die Beobachtung gemacht, dass bei jedem meiner Besuche die Einwohner jünger und jünger werden…).

Ich habe in Cluj-Napoca meine Kindheit und Jugend verbracht und war überzeugt, jede Straße in- und auswendig zu kennen. Hier, an dieser Ecke habe ich verliebt auf meinen damaligen Schwarm gewartet (der dann nicht kam). Dort, vor der Universität, habe ich mit klopfendem Herzen auf die Ergebnisse meiner Aufnahmeprüfung geschaut und bin vor Freude durch den nahegelegenen Park gehüpft, weil ich es geschafft hatte.

In der Stadt gibt es eine Konditorei, wo ich die besten Kuchen der Welt gegessen habe. Erfreulicherweise gibt es diese immer noch. Bei jedem Besuch nehme ich zehntausende von Kalorien in Form von Fett und Zucker zu mir und verspüre nicht die geringste Reue. Ein paar Straßen weiter steht noch die Schule, wo ich jahrelang Tag für Tag viele Stunden verbracht habe, Erfolge gefeiert (in Mathe und Sprachen) und kläglich gescheitert bin (in Handarbeit und Sport). Dort habe ich Freundschaften geschlossen und war einsam, habe gelacht, geweint, mich glücklich und unendlich traurig gefühlt, so wie es sich für die Teenagerjahre gehört.

An einem schönen Vormittag vor zwei Jahren habe ich mich in meiner Heimatstadt verirrt. Dort, wo vor wenigen Jahren nur Felder und Hügel standen, stehen heute ganze Stadtteile. Es war immer noch meine Stadt, ich verstand die Sprache und Google Maps zeigte, dass ich mich gar nicht so weit weg vom Haus meiner Eltern befand. Es war, als ob ich durch eine Pforte in eine andere Welt, oder besser gesagt, in eine andere Zeit geschritten wäre. Ich wanderte auf Straßen, die wenige Jahre zuvor nicht existiert hatten, entlang an Gebäuden, die seit sehr kurzer Zeit standen und wovon viele sich noch im Bau befanden.

Es gibt aber auch Orte in meiner Heimatstadt, die man lieber verdrängen und vergessen möchte

Am Rande der Stadt, auf der städtischen Müllhalde leben zahlreiche Familien, zum Teil in der dritten Generation. Es ist ein Ort, den man in Städten wie Manila oder Delhi vermutet, allgemein unter dem Namen “Slum” bekannt. Die Menschen hier haben zum Teil keine Papiere und somit existieren sie für die eh dürftigen Sozialsysteme in Rumänien nicht. Der Rest der rumänischen Gesellschaft würde solche Orte am liebsten vergessen und verdrängen.

2014, an einem kalten Samstagmorgen im Herbst, habe ich mit einer sozialen Organisation diesen Ort besucht. Wir sind in Gummistiefeln bis zu den Knien durch Schlamm gewatet, hin zu unbeschreiblichen Bretterbuden, um Kinder einzusammeln und mit zu nehmen, in einen kleinen warmen Raum, in dem wir für sie ein Frühstück vorbereitet hatten. Ein Mädchen von etwa 12 Jahren bat uns, kurz zu warten, sie wollte ihren Bruder auch mitnehmen. Dann kam sie aus einer Bretterbude und schob einen kleinen Rollstuhl, in dem ein kleiner Junge von etwa sieben Jahren saß. Er redete viel, war leicht bekleidet und trug trotz des kalten Wetters bloß Socken. Ich fragte nach seinen Schuhen, aber die Schwester zuckte mit den Schultern und sagte, das brauche er ja nicht, er könne ja doch nicht gehen. Ich habe keine Bilder von dem Ort und den Menschen dort, es schien mir einfach nicht richtig, welche zu machen. Es gibt allerdings hier einen lesenswerten Artikel darüber.

Das urbane Rumänien ändert sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit

Ich wohne seit 1996 nicht mehr in Rumänien und die ersten Jahre habe ich mein Land gar nicht besuchen wollen. Mir war alles zu eng und klein, ich wollte mich weiterentwickeln und Abstand gewinnen. Als der Abstand dann groß genug wurde, bin ich wieder hingefahren. Ich fahre etwa alle zwei Jahre nach Rumänien, wobei es mich nicht immer in meine Heimatstadt zieht. Beruflich bin ich mehrmals nach Sibiu (Hermannstadt) und Bukarest geflogen und jeder Besuch war für mich eine gute Überraschung. Sibiu war 2007 europäische Kulturhauptstadt und hat als erste rumänische Stadt den Status einer modernen Stadt erreicht. Die Häuser mit Augen, die Lügenbrücke und viele andere Sehenswürdigkeiten machen diese Stadt zu etwas Besonderem (wer Lust hat, Sibiu und andere schöne Orte in Rumänien live zu sehen, hier ist meine Reise in 2019 dahin).W

Nicht meine Heimatsstadt, aber sehr sehenswert: Sibiu alias Hermannstadt

Dann kam vor etwa zwei Jahren der Moment, wo ich es einsehen musste: Rumänien ist weder eng noch klein, sondern jung, innovativ und unerschrocken. Dort, wo es im Vorjahr einen Lebensmittelladen gab, steht nun ein Friseursalon. Vor zwei Jahren gab es genau dort eine private Zahnarztpraxis. Die Menschen versuchen, etwas auf die Beine zu stellen, scheitern vielleicht, stehen auf und versuchen es erneut. Unternehmer*in zu sein war in Rumänien jahrzehntelang nicht möglich, aber jetzt ist es völlig normal. Es gibt aber auch größere Investitionen, wie zum Beispiel einen Ort am Rande Cluj-Napocas, wo man reiten, Mountainbikes mieten, essen, übernachten, entspannen, mit dem Heißluftballon fliegen, Tennis oder Karten spielen, in der Kapelle beten oder heiraten und dabei seine Kinder in der als Schloss gestalteten Kindertagesstätte betreuen lassen kann. Es sind Orte wie diese, die in Deutschland gar nicht denkbar wären, aus so vielen Gründen, dass ich gar nicht anfangen will, sie hier aufzuzählen.

Ich stand also dort im Wonderland (der Ort heißt tatsächlich so) am Start der Rodelbahn (das gibt es dort auch) und schaute auf meine Heimatstadt. In dem Moment habe ich zum ersten Mal verstanden, dass Rumänien nicht nur wirtschaftlich aufgeholt hat, sondern dass es ein tolles Land ist, wo es sich zu leben lohnt. Wäre ich nicht ausgewandert, wäre mein Leben zwar ein anderes, aber nicht unbedingt schlechter.

Was kann man als Tourist*in Cluj-Napoca machen?

Hier eine rein subjektive Auswahl der Aktivitäten, die ich gerne empfehlen würde, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Das historische Zentrum Cluj
  1. Das historische Zentrum besuchen: eine Menge Sehenswürdigkeiten auf kleinem Raum versammelt, von römischen Ausgrabungsstätten bis zu mittelalterlichen Mauern, Palästen und Kirchen aus dem 13. bis 21. Jahrhundert.
  2. Durch den botanischen Garten spazieren: am schönsten im Frühjahr oder Sommer, wenn alles blüht. Aber auch zu anderen Jahreszeiten lohnt es sich, diese Oase der Ruhe mitten in der Stadt zu besuchen.
  3. Das Freiluftmuseum anschauen: ich war schon immer sehr von Freiluftmuseen begeistert, sodass ich auf meinen Reisen einige gesehen habe. Das Museum in Cluj ist aber besonders. Nicht nur, dass es eines der Ältesten Freiluftmuseen der Welt ist (es existiert seit 1929), sondern es ist klein, schön gelegen und auf unerklärliche Weise sehr wenig besucht.
  4. Laut Wikipedia gilt das Waldgebiet Hoia-Baciu offiziell als Erholungs- und Wandergebiet. Viele behaupten allerdings, dass hier einige paranormale Phänomene beobachtet worden seien. Ich persönlich bin der Meinung, dass man sich selber umschauen und überzeugen sollte, was dort passiert! Am besten bei Nacht.
  5. Es gibt viele Parks und Grünanlagen, die zum Spazieren und Verweilen einladen, wie zum Beispiel Parcul Central oder Parcul Cetatuie auf einem Hügel mit wunderschönem Panoramablick über die Stadt.
  6. Die Umgebungen besuchen, zum Beispiel Cheile Turzii (Thorenburger Schlucht). Die etwa zwei Kilometer lange Schlucht wird vom Hasdate-Bach durchflossen, der sich hier in den Kalkstein eingegraben hat und somit den Höhenrücken des Trascau-Gebirges durchbricht. Beiderseits wird die Klamm von etwa 300 Meter hohen Steilwänden begrenzt. Ebenfalls in der Umgebung befindet sich das Salzbergwerk (Salina) Turda.
Das Freiluftmuseum in Cluj

Das kulinarische Angebot in Rumänien allgemein und speziell in Cluj verdient einen Blogartikel für sich. Deswegen hier nur so viel: auch wenn die rumänische Küche grundsätzlich deftig und sehr fleischlastig ist, kann man in Cluj-Napoca, wie in ganz Rumänien, wunderbar vegan essen, wenn man weiß, wie. Der Geheimtipp ist: man muss lediglich nach Fastenessen fragen. Wenn man allerdings die vermutlich besten und kalorienreichsten Kuchen der Welt genießen möchte, besucht man die Konditorei (Cofetaria) Carpati genau im Zentrum.

Alles in allem ist Cluj-Napoca eine tolle Stadt, die sich in den letzten Jahren unglaublich entwickelt hat und wo es mir Spaß macht, für einen Besuch zurückzukehren. Auch wenn die Menschen darin immer jünger werden und manche Straßenzüge einfach wie aus dem Nichts und über Nacht erscheinen.

2 Antworten auf „Rumänien, der Ort meiner Kindheit und Jugend“

  1. Liebe Mona, danke für den Artikel, dem ich anmerke, dass Du ihn mit Herzblut geschrieben hast. Ich war als Kind in Rumänien und dann jetzt, 2016, um das Land nochmal zu sehen, in dem meine Eltern (als Deutsche) geboren sind. Wir hatten uns für eine Rundreise mit Hotelbusreisen Meilhamer entschieden und haben es nicht bereut. Rumänien ist sehr vielfältig und interessant, wie da Armut und Reichtum beieinander sind. In Cluj waren wir auch. Ich habe es an dem Bild mit dem Denkmal wiedererkannt. Der deutsche Name war Klausenburg.
    Ich finde es erstaunlich, wie wir uns mit zunehmendem Alter unsere Wurzeln wichtiger werden. Geht mir auch so. Vielleicht schaffe ich auch noch einen Blogartikel zu Sandras Blogparade.
    Dir alles Liebe und viel Erfolg mit Deiner Rumänienreise. Hast Du die im Artikel verlinkt?

    1. Danke liebe Christiane. Rumänien ist sehr sehenswert, nicht nur für Menschen mit Wurzeln dort, sondern auch für Menschen, die offen und neugierig sind und sich überraschen lassen wollen (in positiver Sinne) 🙂 Und auch gut essen wollen 😉

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