Mein Bayern und ich

Am Wochenende war Taekwondo Lehrgang in einem kleinen Ort nahe Augsburg, wobei “nahe” relativ ist. Ich habe mir vorgenommen, einen Teil des Weges zu Fuß zurück zu legen. In ein paar Tagen geht es nach England zum Fernwandern und ich muss noch einiges testen: Beine, Rücken und eventuell auch die Regenkleidung. Ich habe mich für die kürzere Variante entschieden, 16 km ab Dinkelscherben und nicht die 30 km ab Augsburg, ich will am Abend noch etwas Energie zum Kicken haben.

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Erwartungen

Der heutige Blogbeitrag sollte einer über Prüfungen werden (und insbesondere meine Angst vor der Taekwondo Prüfung, die noch da ist aber zunehmend geringer wird). Das wollte ich posten, sobald ich mit meinem neuen Gurt nach Hause gekommen wäre. Dazu kam es  aber nicht, da ich von der Liste der Prüflinge gestrichen wurde. Der Grund tut nichts zur Sache, aber ich muss gestehen, dass ich ziemlich enttäuscht war. Eigentlich wollte ich mal wieder einen sportlichen Tag erleben, nachdem ich die ganze Woche sitzend verbracht habe und das ist auch heute geschehen. Nur warum dann die Enttäuschung? Wenn unsere Erwartungen nicht zu der Realität passen, dann passiert es. Wir erwarten viel von unseren Lebensumständen und von unserem Beruf. Und wenn das nicht eintritt, sind wir enttäuscht. Wir erwarten einiges von unseren Mitmenschen und  insbesondere von den Partner*innen und Kindern und wenn sie doch anders sind, sind wir unglücklich. Wir erwarten im März warme Temperaturen, und wenn Schnee kommt, schimpfen wir. Und am meisten erwarten wir von uns. Zumindest mir geht es so. Ich will viel von mir selbst und meinem Leben und manchmal klappt es nicht, trotz vielen Bemühungen. Ich kann es nicht erzwingen, dass eine Person, die ich schätze mich auch mag, dass ich das interessante Projekt in der Arbeit bekomme, dass die S-Bahn pünktlich fährt, oder dass die Sonne scheint.

Enttäuschungen passieren  wenn die Erwartungen höher als die Realität sind. Andersrum merkt man das fast nicht, oder viel zu selten. Wenn alles besser läuft als erwartet, sehen wir das für selbstverständlich. Und verpassen dadurch viele schöne Augenblicke. Diese Woche gab es bei mir einige: ich habe zwei Dienstreisen gemacht, die beide meine Erwartungen übertroffen habe. Nebenbei die erste wieder in meiner Lieblingsstadt (Berlin). Unterwegs auf der anderen Dienstreise habe ich eine traumhafte Winterlandschaft gesehen. Und nicht zuletzt, es war heute auch ohne Prüfung ein schöner Lehrgang. Das nächste Mal werde ich versuchen, meine Erwartungen runter zu schrauben, weil ich die Realität eh nicht ändern kann. Und manchmal würde es mir persönlich nicht schaden, mal weniger davon zu haben (oder ist das auch eine Erwartung?). Es kommt wie es kommt, und das ist auch in Ordnung so.  Und zum Thema Wetter, hier mein Lieblingszitat von Karl Valentin: „Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Der Blaugurt muss noch warten.

Mein Fahrrad und ich

Ich habe mit über 27 Fahrradfahren gelernt. Mein jetziges Fahrrad war nicht mein erstes, davor hatte ich ein anderes, neues, das aber so schlecht war, dass schon bei der zweiten Reise die Pedale abgefallen ist.

 

Mein jetziges Fahrrad stand in einer Ecke bei den gebrauchten Rädern, im Radl Bauer damals vor etwa 12-13 Jahren. Es ist ein ganz unscheinbares Rad, schwarz, 21 Gänge und Bremsen vorne und hinten, so wie ich damit gut umgehen kann, sehr günstig. Ich habe es sofort mitgenommen.

 

Mein Fahrrad hat mich seitdem etwa 20.000 Kilometer begleitet, sowohl durch die Stadt als auch im Umland und auf Fernwegen. Mein Fahrrad und ich sind in jeder Jahreszeit auf dem Wasserweg durch das wild-romantischen Mangfalltal gerollt, das Wasser links oder rechts, die Bäume grün, gelb oder kahl. Es hat mich durch verschlafene bayerische Dörfer getragen, durch die Pfalz, auf Rügen und sonst wo. Ich habe es bergauf auf Schotterwege geschoben. Es hat mich um die 60 km um den Starnberger See getragen an einem Tag voller Enttäuschung. Doch am Ende des Tages war wieder alles gut. Mein Fahrrad hat voriges Jahr 1.100 Kilometer auf dem Donau Radweg zurückgelegt, durch 3 Länder, vorbei an Schlösser und durch kleine und größere Städte. Ich musste öfters selbstzufrieden grinsen, als mein Fahrrad und ich die ganzen Elektroräder überholt haben, zwar bergab oder geradeaus, aber was soll‘s. Bei strömendem Regen und heißem Sonnenschein, zu zweit oder mit anderen Menschen und Rädern haben mein Fahrrad und ich viel erlebt.

 

Mein Fahrrad weiß es natürlich nicht, aber ich wollte auch kurzzeitig fremdgehen. Ich habe während einer Kreuzfahrt auf der Aida zwei Fahrradtouren mit Fremdrädern gemacht: über die Steilküste von der Normandie hat mich das fremde Rad fast von alleine getragen, und auch in Rotterdam war es erstaunlich, und sie wiegte fast nichts. Ich habe mir vorgestellt, so ein Rad müsste ich nicht mehr bergauf schieben, ich wäre viel schneller unterwegs zur Arbeit.

 

Der Gedanke war also da, und dann habe ich vor meinem inneren Auge gesehen, was das bedeuten würde: ich würde nie mein Rad tagsüber irgendwo in der Stadt angekettet lassen können, ohne zu befürchten, dass es abends nicht mehr da ist. Geschweige denn, nachts. Ich würde keine Schotterpisten mehr abfahren können, ohne Angst zu haben, dass etwas kaputt geht, was kostspielig zu ersetzen wäre. Und am Ende geht es nicht um das Objekt, sondern um den Fahrtwind, um die Sonne, den Regen, wildes Wasser was links oder rechts fließt, um die Bäume, den Biergarten, und um die Freiheit, die mein Fahrrad und ich gemeinsam erleben und hoffentlich noch einige Tausend Kilometer gemeinsam erleben werden.

Anfänger Training

An einem grauen Donnerstag in Februar habe ich mir beim Taekwondo Training den Knöchel verstaucht. Nichts Schlimmes, nur ausreichend, dass ich 1-2 Tage leicht humpelnd durch die Welt gehen musste. Da ich am nächsten Tag immer noch etwas lädiert war, entschied ich nicht in dem normalen Training, sondern zum Anfänger Training zu gehen.

Normalerweise habe ich mit meinem grün-blauen Gurt einen der niedrigen Grade. In Anfänger Training bin ich die Gradhöchste. Aber auch hier lerne ich viel: Bewegungen langsam und korrekt auszuführen, das richtige Dehnen und noch viel mehr, wofür im normalen, schnellen Training nicht so viel Zeit bleibt. Und ich komme natürlich sehr gut mit. Aber ich kann nicht aufhören, Staunen für die Menschen zu fühlen, die im nicht mehr jungen Alter etwas Neues (und Schwieriges) anfangen und mit Begeisterung dabei bleiben. Es gäbe so viele Gründe, Taekwondo nicht zu machen.

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Taekwondo

Ich weiß nicht mehr genau, was mich dazu bewegt hat, an einem Januar Tag im Jahr 2016 ein Probetraining zu besuchen. Der Muskelkater, den ich danach hatte, wird in meiner Liste „Best of Muskelkater ever“ eingehen. Aber es war mit mir geschehen: ich habe in meiner Lebensmitte eine neue Leidenschaft entdeckt: Taekwondo. Es ist eine Sucht, ich mache alles, um 4-5 Mal in der Woche es irgendwie ins Training zu schaffen, und ich muss mich manchmal beherrschen, nicht hin zu gehen (wenn ich zum Beispiel körperlich nicht fit bin). Es ist einfach grandios zu sehen, was möglich ist: da sind die über 70-jährigen 4. Dan Träger, deren Bewegungen langsam aber so schön und präzise sind, als ob sie in der Luft gemalt wären. Da sind zierliche Frauen, die mehrere Bretter übereinander mit einem einzigen Hand- oder Fußtritt durchbrechen. Da sind die Jungen, die sich wie Blitze bewegen, dass es schwierig wird, sie mit dem bloßen Auge zu verfolgen, und so durch die Luft springen, als ob die Schwerkraft für sie nicht gelten würde. Dann gibt es unendlich geduldige Meisterinnen und Meistern, die immer wieder mit uns üben, nette freundliche Menschen und wunderschöne Reisen.

Taekwondo lehrt mich nochmal Demut (laut Beschreibung in Wikipedia ist das die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit hervorgehen kann“- wie zutreffend!). Taekwondo verlangt sehr viel Disziplin und Frusttoleranz. Habe schon einiges an Tränen deswegen vergossen, und viel mehr Schweiß…Es klappt einfach nicht auf Anhieb, jede Bewegung wird 1000 mal geübt, bis es sitzt (und ich muss das manchmal 1500 Mal, manchmal 2000 Mal üben). Das Gefühl, wenn es dann klappt, wenn ein Brett durch ist, wenn der nächste Gurt umgebunden wird, ist mit fast nichts zu vergleichen (vielleicht mit Wandern am Fjord bei einem langen Wasserfall, aber das ist eine andere Geschichte).
Taekwondo ist wie fliegen, nur besser, weil es auch ohne Flügel möglich ist.